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Plug Me In
Plug Me In
Plug Me In, Sony BMG/Columbia Records, 2007
Angus Young Lead Guitar
Malcolm Young Rhythm Guitar
Bon Scott Lead Vocals
Brian Johnson Lead Vocals
Mark Evans Bass
Cliff Williams Bass
Phil Rudd Drums
Simon Wright Drums
Chris Slade Drums
Produziert von: Rocky Oldham Länge: ca. 450 Min Medium: 3-DVD-Box
DVD 1: "1975-1979"
1. High Voltage13. Problem Child
2. It's A Long Way To The Top (If You Wanna Rock'n'Roll)14. Sin City
3. School Days15. Bad Boy Boogie
4. T.N.T.16. Highway To Hell
5. Live Wire17. The Jack
6. Can I Sit Next To You Girl18. Whole Lotta Rosie
7. Baby Please Don't GoBonus Features:
8. Hell Ain't A Bad Place To BeInterviews
9. RockerBaby Please Don't Go
10. Rock'n'Roll DamnationProblem Child
11. Dog Eat DogDirty Deeds Done Dirt Cheap
12. Let There Be RockRock'n'Roll Damnation
DVD 2: "1981-2003"
1. Shot Down In Flames18. Hail Caesar
2. What Do You Do For Money Honey19. Ballbreaker
3. You Shook Me All Night Long20. Rock And Roll Ain't Noise Pollution
4. T.N.T.21. Hard As A Rock
5. Let There Be Rock22. Hells Bells
6. Back In Black23. Ride On
7. T.N.T.24. Stiff Upper Lip
8. Shoot To Thrill25. Thunderstruck
9. Guns For Hire26. If You Wan't Blood (You've Got It)
10. Dirty SDeeds Done Dirt Cheap27. The Jack
11. Flick Of The Switch28. You Shook Me All Night Long
12. Bedlam In BelgiumBonus Features:
13. Back In Black (Documantary/Interviews)Interviews
14. Highway To HellBeavis and Butt-head ("Ballbreaker"-Tour Intro Film)
15. Whole Lotta RosieHells Bells
16. For Those About To Rock (We Salute You)Gone Shootin' (Rehearsal)
17. Gone Shootin'Rock Me Baby (Angus & Malcolm Young with the Rolling Stones)
DVD 3: "Between The Cracks"
1. Girl's Got Rhythm12. Angus Statue Intro ("Stiff Upper Lip"-Tour Film)
2. She's Got Balls13. Guns For Hire
3. It's A Long Way To The Top (If You Wanna Rock'n'Roll)14. Shoot To Thrill
4. Let There Be Rock15. Sin City
5. Bad Boy Boogie16. House Is On Fire
6. House Is On Fire17. Back In Black
7. Guns For Hire (Rehearsal)18. Bad Boy Boogie
8. Bogey Man19. Rock And Roll Ain't Noise Pollution
9. Girl's Got Rhythm20. Flick Of The Switch
10. Highway To Hell21. Hells Bells
11. Let There Be Rock

Wer als Teenager mit AC/DC aufgewachsen ist, wer diese Band in den Siebzigern live gesehen hat, wer ganz grundsätzlich ein lässiger Typ ist: Hier ist der Weg zum Glück! Nach dem eher biographischen DVD-Release "Family Jewels" kommt mit "Plug Me In" die Live-Vollbedienung, halleluja.
Eine Besprechung dieser DVD-Box kann nicht objektiv und ohne persönliche Erinnerungen erfolgen, viel zu stark sind die letzten drei Jahrzehnte, die diese Compilation in etwa umfasst, mit dem eigenen Werdegang verbunden. Zuallererst war da natürlich die unbegreifliche Coolness des Bon Scott, aber dazu später, denn:
"Let there be light"
"Sound"
"Drums"
"Guitar"
"Let there be rock"

Längst sind AC/DC Objekt wissenschaftlicher Arbeiten geworden, aber wenn man den monströsen Erfolg verstehen will, muss man eigentlich nur drei Faktoren betrachten: 1. die Rhythmusgruppe Malcolm Young, Phil Rudd, Cliff Williams, 2. den kleinen Irren an der Sologitarre, 3. das größte Gesangsschwein aller Zeiten und das zweitgrößte Gesangsschwein aller Zeiten. Das sind AC/DC und sie haben Chuck Berrys Rock & Roll zu dem gemacht was ihn für alle Zeit vor den Spießern dieser Welt beschützen wird. Rock & Roll ist eben nichts für kleine Pippijungs, Rock & Roll ist schnell, laut und gefährlich, deswegen sollte diese 3-DVD-Box jedem Neugeborenen mit dem ersten Kindergeld in die Wiege gelegt werden, die Welt braucht keine Kuschel-Knuts, die Welt braucht Hells Bells.
Dass Hell Ain't A Bad Place To Be ist, wusste Bon Scott von Anfang an, wer es nicht glaubt, sollte auf DVD 1 direkt den Song Rocker anwählen und genau beobachten, was AC/DC am 27. Oktober 1977 mit einer Halle verklemmter Briten angestellt haben. Solche Ereignisse sind in jedem Fall ein Erweckungserlebnis, entweder man ist dem Spektakel danach für immer verfallen, oder man führt fürderhin ein Leben im musikalischen Niemandsland, dazwischen gibt es nichts. Die Rhythmustiere hämmern gegen die Schädeldecke, Bon Scott erklärt den Menschen, dass man nun ein wenig "swingen" wolle und Angus springt über die Tribüne um verängstigt dreinblickende Mädchen und fassungslose Buben zu erschrecken, herrlich. Nebenbei ist diese Version von Rocker die vermutlich heftigste im gesamten AC/DC-Backkatalog. Oder man nimmt exemplarisch das völlig primitive Solo im Mittelteil von Let There Be Rock. Wer danach nicht auf den Knien ist und headbangt, hat in unserem kleinen Boogieuniversum nichts verloren. So sieht das aus, meine Damen und Herren.
Bon Scott als Obermacho, Bon Scott als grinsender Schalk, Bon Scott als brustbehaarter Sexgott, Bon Scott in winzig kurzen Hosen und ohne T-Shirt in den Straßen Londons beim Interview (mit einer lässig in die Hose geschobenen Banane als Waffe), Bon Scott als Mensch gewordenes Problem Child, dieser Typ verkörpert den Prototyp des Rock & Roll-Sänger wie keiner vorher und keiner danach, auch wenn Herr Plant sicher der schönere Mensch war. Ein kleiner Junge aus München wollte damals so sein wie Bon, und, nun ja, ein klein wenig möchte er noch heute so sein - nur nicht so tot, bitteschön. Bon, du geile Sau, der Bad Boy Boogie ist doch wirklich nur für uns beide gemacht worden.
Angus Young hat sich im Lauf der Zeit nicht verändert. Von Anbeginn bis heute springt er in immergleicher Manier über die Bühnen, auch wenn die von 8 auf 800 Quadratmeter angewachsen sind. Sah schon immer lustig aus, war aber niemals in irgend einer Weise lächerlich, denn Angus Young ist nicht nur ein sehr einfach zu verstehender Mensch, er ist auch der gigantischste kleine Gitarrist aller Zeiten, und wenn er sich umdreht, sieht man auf seinem Rücken den Schulranzen, in dem neben ein paar Rauchbomben auch die vier relevanten Akkorde der Musikgeschichte stecken.
Und nun ein kleiner Auszug aus unserem Internetgedächtnis Wikipedia. "Ein besonderes Merkmal der stoischen Philosophie ist die kosmologische, auf Ganzheitlichkeit der Welterfassung gerichtete Betrachtungsweise, aus der sich ein in allen Naturerscheinungen und natürlichen Zusammenhängen waltendes göttliches Prinzip ergibt. Für den Stoiker als Individuum gilt es, seinen Platz in dieser Ordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt." Noch Fragen zu Malcolm Young, Cliff Williams und Phil Rudd? AC/DC waren immer in ihrer Gesamtheit ein Naturereignis, aber nur durch diese drei Stoiker im Hintergrund konnten und können sie ihre geballte Power so unvergleichlich ins Publikum wuchten. Man höre nur Malcolm während der Showeinlagen seines Bruders, eine gewaltigere Rhythmusgitarre spielt keiner.

Auf DVD 1 werden die Jahre 1975 bis '79 abgebildet, darunter sind etliche technisch durchaus miserable Aufnahmen, was aber letztendlich nicht stört, zu wichtig ist es für jeden Fan, die Entwicklung von der kleinen Band aus Australien zur - anfänglich nur europäischen - Sensation fast chronologisch nachvollziehen zu können. Die Power und Spielfreude der Band ist in jedem Ton, in jeder Bewegung zu spüren, es geht einfach immer nur gnadenlos nach vorne.
In den Bonus Features ist noch ein kleines Schmankerl für Münchner versteckt. Baby Please Don't Go wurde am 29. September 1976 im Circus Krone für die Fernsehsendung "Szene" mitgeschnitten, jene Sendung, mit der Thomas Gottschalk ins TV-Geschäft einstieg (das Ding wurde trotz der mäßigen Qualität später auch ausgestrahlt). AC/DC waren Vorband von RAINBOW, und man stellt sich die Frage: Was hast du an diesem Tag gemacht, Jack? Interessant ist auch die Tatsache, dass AC/DC am 18. September im kleinen Münchner PN Club in der Leopoldstraße noch einen weiteren Gig absolvierten. In diesem längst verschwundenen Club spielte Bon Scott 1971 mit seiner damaligen Band FRATERNITY ganze vier Wochen.

Nach der geballten Ladung Geschichtsunterricht auf der ersten DVD fühlt man sich ab 1981, logischerweise mit Brian Johnson, fast schon in die Gegenwart versetzt - wären da nicht die beachtenswerten Frisuren Johnsons, die speziell bei den japanischen Aufnahmen mehr als skurril wirken.
Lamento hin, Lamento her, Johnson war und ist Bons einzig denkbarer Nachfolger, und er war von Anfang an ein ganz großer Shouter. Bekanntlich hatte er Anfang der Siebziger mit GEORDIE ein paar kleinere Hits, war ab 1976 beschäftigungslos und hatte GEORDIE just 1980 erst wieder reformiert, als er aus traurigem Grund zum Sänger von AC/DC berufen wurde. "Plug Me In" zeigt ihn erstmals vollständig in seiner nunmehr 27jährigen Evolutionszeit bei der besten Boogieband aller Zeiten - und zeigt auch den Enthusiasmus und vollen Einsatz des ewigen "Neuen".

Unbestritten ist wohl, dass AC/DC spätestens nach "For Those About To Rock" von 1981 nie mehr so geniale Songs am Stück schrieben wie in ihrer Frühphase, wunderbare Ausnahmen wie Hard As A Rock (Johnson: "Das ist einer für die Männer, also holt ihn raus") haben die Hoffnung aber nie sterben lassen. Unbestritten muss allerdings auch bleiben, dass keine einzige Tournee in den Achtzigern und Neunzigern respektive 2000, 2001 und 2003 mit den STONES in irgend einer Weise enttäuscht hat, im Gegenteil, trotz immer größerem Spektakel und Brimborium konnte man nach jedem einzelnen Auftritt sicher sein, dass die Band 100% und mehr gegeben hatte. Umso sinnvoller ist die zweite DVD hier, allen Zweiflern sei das Studium dringend ans Herz gelegt.
Ein anderer unfreiwilliger Ausstieg, nämlich der Rauswurf von Schlagzeuger Phil Rudd, traf AC/DC zwar weitaus weniger populär, dafür empfindlich am Backbone. Hört man das 83er "Flick Of The Switch" oder, noch schlimmer, "Fly On The Wall" von 1985, wird überdeutlich warum. Der von Bon beschworene Swing und Jive war buchstäblich zertreten, es wurde mehr oder minder einfallslos gekloppt, auch wenn Simon Wright ohne Zweifel ein guter Drummer ist, was er später u. a. bei DIO mit anderer Musik problemlos beweisen konnte. Für AC/DC war er nicht geeignet, was leider in noch stärkerem Maß für Chris Slade gilt, der von 1990 bis '94 nicht viel mehr als einen stupiden Schlagzeugcomputer gab. Unverständlich eigentlich, denn über Jahre hatte er für MANFRED MANN'S EARTH BAND wundervoll getrommelt. Zu den songwriterischen Problemen der Herren Young/Young/Johnson gesellte sich also auch noch ein handfestes musikalisches, und genau das kann man beispielsweise bei Highway To Hell und Whole Lotta Rosie vom 91er Auftritt in Moskau überdeutlich hören. Den von Revolutionen geschundenen Russen, für die erstmals die dicke Rosie aufgeblasen wurde, wird's egal gewesen sein, für AC/DC und uns war Rudds Rückkehr 1994 ein Segen, siehe den Übungsjam von Gone Shootin' für VH1 von 1996.

Die Dimensionen der Tourneen hatten spätestens Mitte der Neunziger maximale Ausmaße erreicht, AC/DC waren längst so groß, dass ihnen nichts mehr schaden konnte. Auch nicht, dass Angus heutzutage ein paar Ruhepausen auf der Bühne einlegt und oftmals schwer gequält aussieht, oder dass Brian immer mal wieder leicht tanzbärig über seine eigenen Beine zu fallen droht und ab und an bedenklich neben der Spur kreischt, egal, an der großen Glocke turnte er sogar 2001 noch spektakulär herum. Bei den Aufnahmen aus diesem Jahrtausend wird uns Gläubigen ganz fettes Kino geboten, da reißt der Malcolm keine Saite ab. Widerspruch zwecklos.
Wieder ein Schmankerl aus München: Stiff Upper Lip und Thunderstruck stammen aus der so genannten Club Tour 2003, wo die Band nach dem 24.11.79 (ratet mal, wer da wohl höchstselbst anwesend war) erstmals wieder im Circus Krone auftrat. Das andere Leckerli ist die Leipziger Performance mit den ROLLING STONES bei Rock Me Baby von B.B. King. Heftigere Kost kann man den ollen STONES natürlich nicht antun, aber auch so zeigt sich in Keith Richards' Gesicht der ein oder andere erstaunte Blick über Angus' Soli. Herr Wood weiß sich gar überhaupt nicht anders zu helfen, als sich in mäßig peinlicher Manier ein paar Mal ins Bild zu schieben. Charlie Watts grinst dafür wie ein Honigkuchenpferd, er hat nämlich die Geschichte vom Swing und Jive nicht nur verstanden sondern praktiziert sie auch seit 378 Jahren. Man muss Jagger & Co. wahrlich dankbar sein, dass sie sich 2003 von den, haha, Newcomern an die Wand spielen lassen haben.

Warum kauft man schlussendlich die 3-DVD-Box und nicht den Zweier-Sparpack? Erstens weil es noch mal knapp zwei Stunden Musik gibt (auch wenn ein knappes Viertelstündchen in schwarzweißen Wackelbildern mit Klosound daherkommt) und zweitens weil in der Deluxe-Edition eine ganze Menge essentielles Spielzeug versteckt ist. Nachdrucke von Tickets, Bilder, Plakat etc., eben all die Dinge, die den altmodischen Sammler, Leser, Anfasser glücklich machen.
Damit ist die AC/DC-Sammlung wohl halbwegs komplett. Vorausgesetzt man hat die "Bonfire"-Box, "Family Jewels" und die Teufelshörnchen schon im Regal. Und die anderen lernen es eh nicht mehr.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 14.01.2008

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