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Ein Blindflug, vier Künstler. So hatten wir das noch nie. Der von uns hochgeachtete Roots- und Americana-Singer/Songwriter Markus Rill, die Münchner Malerin und Illustratorin Nadia Galliani (besucht doch mal ihre virtuelle Galerie www.galleria-galliani.com und sagt uns dann, ob die Frau was kann - kann sie nämlich!) und unser Kollege Epi Schmidt, der bekanntlich als berüchtigter Richards/Wood-Erbe auch andauernd die Saiten die den Rock & Roll bedeuten verbiegt, bekamen Post von unserem Frankie, der mit seinen CRAVING HANDS ebenfalls vorzügliche Töne produziert. Und Überraschung: Das Ergebnis ist überhaupt nicht verkopft! Nur die arme Nadia hat vor lauter Verzweiflung sogleich ihre Version des Caligula gemalt:

Das Bild muss entstanden sein, nachdem sie stundenlang durchs Internet düste, um herauszufinden, welche Songs sich auf der CD befinden (irgendwann kam auch ein desperates "darf ich jetzt wieder malen?"). Bis auf 4 Nummern hat sie auch alle korrekt zuordnen können, was wiederum unserem Epi zu Denken geben sollte, der nicht einen konkreten Namen nennen konnte, das aber zugibt und seitdem Nachhilfestunden nimmt. Und wie immer sind natürlich die Gedanken des im Blindflug gastierenden Musikers besonders interessant, weil Leser so erfährt, welche Bilder sich im Kopf des "recording artist" bei einer solchen Aktion entwickeln.
Danke Markus, Nadia & Epi
(Fred Schmidtlein)
THE WALLFLOWERS - The Passenger
aus dem Album "Rebel, Sweetheart" (2005)
Markus Rill: Schöner, knackiger Auftakt, schöne Al Kooper-Gedächtnisorgel. (Gesang setzt ein) Ah, son of Bob. Jakob Dylan mit den WALLFLOWERS ... dann ist das Rami Jaffee an der Orgel. Ne gepflegte Rockpop-Produktion. Ein paar gute Zeilen, "Adam took the apple, I was not involved", gefällt mir. Im Mittelteil wird's springsteen-esk. Eigentlich ne geile Nummer.
Nadia Galliani: The Wallflowers - "The passenger"
Es beginnt alles mit Adam und dem Apfel, und die ganze Schose endet im Flugzeug-Hightechzeitalter, big bang, a little white noise. Wo ist die black tie? Kleine Anspielung auf den Blindflug, auf den wir uns hier begeben? Fühlen wir uns nicht alle manchmal wie ein Rücksitz-Passagier im eigenen Leben, und ich denk mir, hey wo steuert die Alte denn jetzt schon wieder hin.
Nettes Liedchen, gar Hitparaden-tauglich, der Sänger sieht ganz schnuckelig aus, erinnert mich ein bisschen an einen späten Bruce Springsteen-Song.
Epi Schmidt: Ich geb's gleich zu: Ich hab nix von dieser Ansammlung aus Frankies Americana-Schatzkiste gekannt. Nie vorher gehört, aber das ein oder andere ist ja doch ganz gängig.
#1 Erinnert mich nicht zu knapp an Bruce Springsteen, so Ende 70er. Kann man schön hören und mitwippen. Sehr nett, ohne jetzt zu viel Biss zu präsentieren.
Markus: Fängt ruhiger an. Das hat Klasse, hört man gleich. Könnte Neal Casal sein. Der ist musikalisch immer auf hohem Niveau. Tolle erste Platte. Oha, überraschender Bandeinstieg. Erinnert mich daran, was Olaf Thon mal über Ronaldo sagte: "Der hat ne Verschnellung im Lauf." Ja, läuft gut. Bin mir sicher, dass es Neal Casal ist. Schöne Nummer. Würde mir wünschen, dass er noch mal so'n Album wie das erste hinbekommt, bei dem auch ein paar Songs hängen bleiben.
Nadia: Dolly Varden - "Balcony"
Hier kommt schon die erste Schnarchnase und es sollen ihr noch viele folgen, generell tummeln sich zu viele Klageweiber auf diesem Flug, männlicher und weiblicher Natur. Zwischendurch wirds etwas peppiger, wenn der Leierkasten von Sänger inne hält um der eigentlich guten Band zu lauschen; dass diese Formation nach einer farbenfrohen Forellenart benannt ist stimmt mich
versöhnlich und ich bestell mir noch nen Tomatensaft.
Epi: Selbe Kerbe, allerdings geht's mehr Richtung Tom Petty. Sagen wir mal, so dessen "Wildflower" Zeit und somit zu besseren Tagen. Wenn es in ein flottes Country-Gehoppel übergeht, kommt auch richtiges Highwayfeeling auf.
Markus: Ah, verstehe, wir wollen grooven. Huch, was'n das für ne Stimme? Liebe Güte.
Der Song ist ein Lucinda-Williams-Cover, "Joy". Ne geile Stimme, die sich wenig zurückhält. Hm. Im Original war ich näher an der Essenz des Songs dran. Jetzt klingt's mehr wie ne Jamnummer als wie'n Song.
Nadia: Bettye LaVette - "Joy"
Jetzt wirds saftiger, funky und dreckig, und dann diese Stimme, wow... ein absoluter Beckenkreiser, ich rutsch unruhig auf meinem Sitz und will durch den Gang tanzen, wäre da nicht die Saftschubse mit ihrem Wagerl.
Betty LaVette galt lange als die größte unbekannteste Soulssängerin der Welt, und in diesem fabelhaften Song zeichnet sie ihren beschwerlichen Weg auf der Suche nach Anerkennung durch die schummrigen Bars Amerikas nach. Mit ihr kann man ganz, ganz viel Spaß haben.
Epi: Das klingt schon etwas sperriger und klingt leicht bedrohlich. Das liegt wohl nicht zuletzt an dem Rap-Gesang, mit dem die, stark an Janis Joplin erinnernde, Sängerin diesen Titel singt. Nicht ganz reizlos, aber doch nicht ganz 'my cup of tea'. Live macht das sicherlich an, aber auf CD..., ich weiß nicht. Wäre was für Erja Lyytinen.
Markus: Beginnt schon sehr lush, modern. Angenehmer intimer Gesang. Huch, der Refrain irritiert mich, wird nun sehr poppig, sogar Falsettgesang. Die Intimität geht nun verloren, jetzt ist mir die Produktion zu aufgeblasen. Na gut, wenn's ein Pophit wird, ist's sicher einer der besseren. Der Mann ist schon gut. Aber letztlich wohl nicht meine Teetasse.
Nadia: The Ben Taylor Band - "Save enough to wake up"
"If you'd like to come out on the ocean with me"... nun so eine Frage stellt sich auf einem Flug lieber nicht, die Schwimmweste liegt unterm Sitz und da soll sie auch bleiben. Ben Taylor will uns hier in seiner Nixenlimo auf einen fantasievollen Trip ins Kitschnirvana entführen und da sollte einem netten Mädel wie mir eigentlich das Herz aufgehen... ein Zuckerwattetrack,
macht sich gut als Soundtrack für nen Disneyfilm. "Everyone is floating on that old school magical potion... just blowing off steam"... oder doch eine rabenschwarze Satire auf einen Drogentrip? Eine vage These, die den Song aber in ein amüsanteres Licht rückt und uns inhaltlich auf den nächsten einstimmt.
Epi: Es bleibt weiter eher in einer dunklen Stimmung, entwickelt sich jedoch recht ansprechend und poppig. Wird mir allerdings dann doch zu beliebig. Sehr hübsch, nett melodiös, mit leichtem Beatles-Flair. Aber ob das langt?
GLEN PHILLIPS - I Want A New Drug
aus dem Album "Mr. Lemons" (2006)
Markus: Schöner, staubiger, grooviger Beginn. Hey, ein Huey Lewis-Cover. Extrem cool. Mensch, verflixt - hatte selbst schon mal die Idee, den Song zu covern. Aber das hier macht mich sehr an, da kann ich mir das sparen. Prima Backingsängerin. Der Instrumentalteil ist schon verdammt cool und sexy. Sehr geil. Wer ist das?
Nadia: Huey Lewis and the News - "I want a new drug" [Irrtum #1; Red.]
Wir haben es ja schon immer gewusst. Drogenkonsum kostet ein Vermögen und endet bestenfalls mit Gesichtspizza, schlimmstenfalls mit einem unfotogenen Tod auf der Bahnhofstoilette. Da ist es doch viel schöner, sich an die warme Plonze des Geliebten zu schmiegen und den Hormonhagel zu genießen. Ein pädagogisch wertvoller Song, lässigst vorgetragen. Derartige Coolness hätte ich Huey Lewis and the News nicht zugetraut, die ich bisher nur mit "Hip to be square" aus dem Juppiehorrorspaß "American Psycho" kannte.
Epi: Erinnert mich wieder etwas an Titel #3. Diesmal allerdings mit mehr Tom Waits-Touch und sehr jazzig. Da kann man mal sehen, was man aus Huey Lewis' I Want A New Drug machen kann. Gelungen.
ROSANNE CASH - House On The Lake
aus dem Album "Black Cadillac" (2006)
Markus: Super akustische Gitarre am Anfang. Das kenn ich, hab ich auch. Yep, Rosanne Cash. Leventhal an der Akustischen. Tolle Nummer vom neuen Album. Sehr guter, entspannter Groove. Auch tolle Bilder im Text: "The velvet undertow ... back to my Southern home ... our old house on the lake". So heißt der Song "House On The Lake". Sehr stark.
Nadia: Rosanna Cash - "House on the lake"
Die Tochter von Johnny Cash, die wohl zu tief "into the bourbon moon" geschaut hat. Ein Depri-Song mit dem ich leider nichts anfangen kann, ständig auf der Kippe zwischen Resignation und Verzweiflung. Ein musikalisches Luftloch, bitte weiträumig umfliegen.
Epi: Akustik-Folk? Schon, mit Blues-Einflüssen und einer Sängerin, die mich etwas an Mary McBride erinnert. Gut, atmosphärisch gemacht und könnte auch auf einem der ersten HEART-Alben gewesen sein.
Markus: Oha, jetzt wird's traditionell. Schön, der Sänger hat Klasse.
... Aber auf Dauer fesselt es mich leider nicht. Erinnert mich an wenig an diese Countrysachen von kd lang. Schon schön, aber hat auch was Artifizielles.
Nadia: ??? - "???" [Aussetzer #2, Red.]
Mein 14jähriger, Hiphop-verzogener Bruder meint: das ist schwuuul. Ich sage nein, das hat schon was. Zwar auch eine kitschige Country-Love-Schmacht-Schnulze, aber irgendwie schunkelig und gemütlich. Der Sänger heult uns zwar an wie der Wolf den Mond, aber mit einem abwechslungsreichen Timbre das sich selbst nicht zu ernst nimmt; das ist gut so und bewahrt dem Herzschmerz eine gewisse Leichtigkeit.
Epi: Ah, jetzt geht's tief in den Country-Rock. Mmh, ist das am Ende Gram Parsons? Jedenfalls klingt's wie ein Mischung aus dem und Dwight Yoakam. Die Duett-Partnerin, Emmylou Harris? Wie auch immer, sehr feine Pedal-Steel und verzaubernder Feierabend-Country-Style vom feinsten.
Markus: Überfallartiger Beginn. Liebe Güte, was wird das denn? Ist das ein Cover, oder hat er nur liegengelassene Textzeilen zusammengeklaubt? Gute Musiker, aber der Song berührt mich nicht, klingt mir zu aufgesetzt.
Nadia: ??? - "???" [hähähä, schon die dritte Nullnummer; Red.]
"1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, all good children go to heaven", auch der kleine Junge mit dem Babyface-Grinsen auf den Lippen und der Knarre in der Hand? Noch eine kleine Anspielung auf einen Beatles-Song, nicht die erste auf diesem Flug und auch nicht die letzte. Sound für den urbanen Cowboy der Moderne, solide eingespielt und mit ganz viel Yankee-Sonnenbrand und relaxenden
Eiswürfeln garniert... eingängige Mischung, mag sogar mein kleiner Gangsta-Bruder. Ein Mann muss eben tun was ein Mann tun muss.
Epi: Wunderbarer Harmoniegesang und cooler Blues-Groove. Kann man sicherlich auch gut zu tanzen. Trotzdem, das hat auch wieder so eine Art Rap-Charakter und das geht schlecht an mich. Schade, weil das Keyboard und die Gitarre haben schon einen Klasse-Sound und die Gabe genau so viel oder wenig zu spielen wie nötig.
PAUL WELLER - Sexie Sadie
aus dem Album "Fly On The Wall - B-Sides & Rarities 1991-2000" (2003)
Markus: Beatle-esker Beginn. "Sexy Sadie" ... ist doch sogar ein Beatles-Song, nicht? Ist das Clapton? Auf jeden Fall ne ältere Aufnahme. Falls es Clapton ist, singt er hier besser als ich ihn kenne. Läuft aber letztlich an mir vorbei.
Nadia: Paul Weller - "Sexy Sadie"
Mein "kleiner Tod", mein heimlicher Höhepunkt dieses Flugs: der John Lennon Klassiker "Sexy Sadie", hier vorgetragen von Paul Weller, Joe Cockers little brother in voice. Ehrliche, direkte Dramatik, dennoch unprätentiös gefühlvoll und deshalb so gut. Ein Song der mich berührt und das ganz tief.
2:40 und schon um? Schaaade... gleich nochmal.
Epi: Na, das erkenn ich aber schon an den ersten Tönen: Sexy Sadie von den Beatles, respektive John Lennon. Keine Ahnung, wer der Typ ist, aber auch mit seiner angerauten Stimme interpretiert er den Song sehr gut und instrumental passt das auch prächtig. Allerdings stimmt der Text nicht ganz. Also wahrscheinlich ein Amerikaner, der hier singt...
LORI McKENNA - Bible Song
aus dem Album "Bittertown" (2005)
Markus: Auftakt mit Wohlfühlsound. Ich kenn die Nummer, wer ist das? Da singt doch Buddy Miller mit, ist das etwa seine Frau Julie - nee, die quäkt mehr. Guter Text, schöne Images im Refrain. Ah, "Bible Song", das ist Lori McKenna. Ja, das hat schon echte Klasse. Toller Song, tolle Aufnahme.
Nadia: Sara Evans - "No stranger in this town... bible song" [So, und mit dem folgenden Missgriff muss Fräulein Nadia bei Sara um Abbitte flehen. Oder auch bei Lori. Oder bei beiden. Jedenfalls tut sie einer Unrecht. Oder doch nicht? Red.]
Wuah, genau diese Tonlage ist unerträglich. Daisy Duck, die ihrem Kiefer Gequacke entleiert, Kastraten-Donald alias Prinz Valium steigt auch noch mit ein. Ganz grausam, vor allem die biblischen Anbiederungen. Kein Wunder, dass sich keiner in ihre Stadt verirrt. Nur durch Sara Evans' gutes Aussehen zu retten... Obwohl, so viel Haar, so viel Busen, so ein Breitmaulgrinsen... sie wäre auch als Pornostar glaubwürdig... wäre da nicht die Bibel. All american girl. Luja sog i.
Epi: Wieder eine Country-Lady und schon schmilzt mein Herz. Singt ein schönes Duett mit einem Typ (der ich gern wär'). Könnte auch von Sheryl Crow, aus besseren Tagen, stammen. Recht balladesk, aber doch mit dem entsprechenden Elan, der einen fesselt. Guter Song.
Markus: Jetzt wird's bluesig, guter Beginn. Sehr männliche Stimme, könnte auch southern-rockig werden. Schön, die Band agiert nicht mit Dampfhammer, trotzdem kraftvoll. "When all your coulda woulda-beens collide with should've knowns" - gute Zeile. Feine Mando im Refrain. Aber was ist das denn für'n Refraintext: "Life is short, life is long, get your old guitar and sing this song, lalalala"? Die Band macht mich schon an, auch ein cooler Soloteil. Würde ich gern mehr von hören, vielleicht haben sie noch schlüssigere Songs.
Nadia: Darrell Scott - "Hank William's Ghost"
"Life is short, life is long..." solche und ähnliche Weisheiten lässt Darrel Scott hier vom Stapel. Ein ehrliches Lied für einen hart arbeitenden Menschen im Holzfällerhemd, der die volle Bandbreite des beschwerlichen Lebens abbekommen hat, aber it's alright, it's ok, aufs Neue die Ärmel des besagten Holzfällerhemdes hochkrempeln, wat muss dat muss.
Greif zur Gitarre und sing dadada, das geht auch nach der zehnten Halben.
Epi: Hoppla, vielversprechender Akustik-Boogie? Nicht ganz, aber jedenfalls nicht schlecht. Lässt mich an Steve Earle denken. Kommt aber doch irgendwie nicht so recht aus den Startlöchern. Und dieser softe Beatles-Mittelteil hätte auch nicht sein müssen. Danach wird's nämlich, beim Solo, wieder sehr ansprechend.
Markus: Fängt schön an. Oooh, ist das Eliza Gilkyson? Gänsehaut. Geht ganz tief rein. Tolles Timbre in der Stimme und schön entspannt vorgetragen, ganz ganz starke Nummer und Performance. Das haut mich um. Die Platte muss ich haben. Saving the best for last, was? Fantastischer Abschluss eines schönen Blindflugs.
Nadia: Krista Detor - "The Hampton Sisters (Glory)"
Stewardess, Schlafmaske bitte!
Kurz vor der Landung noch eine Anästhesistin mit dem sperrigen Namen Krista Detor... sind Künstlernamen aus der Mode? Ein "Gospelsong von erhabener Eleganz", der mich leider nur in transzendenten, komatösen Tiefschlaf befördert (sorry Frankie:-).
Die Rezensentin steigt aus und sagt ciao.
Epi: Zum Abschluss eine wunderschöne melancholische Piano-Ballade, für die sich die Heart-Sisters mit den Indigo Girls zusammengetan haben? Könnte zumindest sein und so gehaltvoll wie der Song ist würd's mich nicht wundern, wenn er aus der Feder von John Hiatt käme. Das hat schon was erhebendes, wenn sich die Stimmen in herrlichen Harmonien umgarnen. Klasse!
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