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Southern Rock in Deutschland

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Southern Rock in Deutschland ist ein Thema, das auf den ersten Blick einfach und übersichtlich scheint, auf den zweiten allerdings beinahe absurde Ausmaße annimmt. Nicht weil es in Deutschland in den letzten 35 Jahren so exorbitant viele Bands dieses Genres gab, sondern weil es schon kaum möglich ist, die Bands im so genannten Mutterland des Southern Rock eindeutig dieser Stilrichtung zuzuordnen. So viele Diskussionen gab es schon, in denen flammend über Zugehörigkeit, Berechtigung, Herkunft, Dialekt oder schlicht Musik gestritten wurde, und bis auf die paar wenigen felsenfest feststehenden Gründerväter wird es für immer ein ungelöstes Rätsel oder reine Auslegungssache bleiben, wer oder was nun wirklich Southern Rock ist.
Einen wichtigen Beitrag zur Lösung dieser Frage hat Michael Knippschild auf seiner Website Southern Rock Archiv beziehungsweise im Buch "Southern Rock - Bands und Fakten" geleistet. Trotzdem, es gilt das Wort von REBEL STORM Bandgründer Don Swensen: "Wir (die Musiker; Red.) entscheiden was Southern Rock (heute) ist."

Alle Fans dieses so genannten Southern Rock wissen, daß alles begann mit den ALLMAN BROTHERS, LYNYRD SKYNYRD und beispielsweise der CHARLIE DANIELS BAND (wenngleich Charlie Daniels schon wieder sehr deutlich Country-beeinflußt war...). Aber wie begann es in Deutschland? War Deutschland Anfang bis Mitte der siebziger Jahre nicht das Land von Kraut- und Rübenrock? Udo Lindenberg ja, aber doch keine Insignien typischer Südstaatenmusik, niemals zweistimmige Gitarren, keine ausufernden Jams (außer von völlig bekifften Hippies wie GURU GURU & Kollegen). Und doch, bereits 1972 hatte eine westdeutsche Band namens TANNED LEATHER in Köln und München ihr Debüt "Child Of Never Ending Love" eingespielt und beim zweiten und letzten Werk "Saddle Soap" (1976 immerhin erschienen beim großen Label EMI) waren sie beim Southern Rock angekommen. Oder war es doch eher Westcoast? Country? Pop?

Tanned Leather - Saddle Soap

Liebe Freunde der Musik, es ist heute, 30 Jahre später, müßig darüber zu diskutieren. Ob nun die Gitarrenlinien auf dem wundervollen Opener You Blew It If You Do It von Duane Allman und Dickey Betts oder von WISHBONE ASH beeinflußt waren, ob TANNED LEATHER möglicherweise sogar den Weg einer Band wie LAKE bereitet haben (die mit LYNYRD SKYNYRD in den U.S.A. tourten - allerdings auch mit WISHBONE ASH und vielen anderen - LAKE-Chef Alex Conti ist bekennender Duane Allman Verehrer, und er liebt STEELY DAN - man sieht, it's all Rock & Roll), ob die Band mit Titeln wie A Hard Road Back To Georgia oder Country Boy auf die Cowboyhut tragende Fangemeinde geschielt hat - all das wissen wir nicht und es spielt auch keine Rolle mehr.
Genau wie z.B. die ATLANTA RHYTHM SECTION bedienten sich TANNED LEATHER ab und an einiger Funk-Rhythmen, genau wie von Charlie Daniels oder GRINDERSWITCH gab es zwischendurch recht schmalzige Balladen und eine Nummer wie Greyhound Take Me Home In San Francisco ist einfach nur dem Einfluß der BEACH BOYS zuzuordnen. Außerdem hat die kleine Band aus Deutschland ganz offensichtlich im lokalen Plattenladen sehr genau unter "L" wie LITTLE FEAT und "D" wie DOOBIE BROTHERS nachgeblättert.

Tanned Leather - Child Of Never Ending Love

Die beiden LPs wurden nie auf CD veröffentlicht, aber der Sammler dürfte die LPs ab und an auf Börsen oder einschlägigen Internetseiten finden. Allemal ein Tipp.
Einige Bandmitglieder tauchten im Umfeld von Udo Lindenberg auf, andere hatten später in der Schlagerszene großen Erfolg.

Tanned Leather im Home of Rock

Deutschland und überhaupt Europa waren nie eine ausgesprochene Hochburg für Southern Rock. Den Monsterhits wie Sweet Home Alabama, Ramblin' Man oder später den AOR-Chartbreakern von 38 SPECIAL konnte man sich natürlich nicht entziehen, entsprechend viele Coverbands gab und gibt es. Aber Bands mit eigenen Songs blieben lange Zeit Exoten in der Szene und letztendlich sind sie es bis heute. Während im Mutterland die Bands der ersten Generation mit den bekannten Superstar-Problemen kämpften, ihre Platten zum Teil schwächer anmuteten - und von zeitgeistbewegten Journalisten sowieso verteufelt wurden - und der 20. Oktober 1977 zum traurigsten Tag der Southern Rock Geschichte wurde (für die Nichthistoriker: LYNYRD SKYNYRD stürzten an diesem Tag in den Tod), ignorierten deutsche Musiker, Plattenfirmen und Produzenten diesen Sound - oder erstarrten in Ehrfurcht und trauten sich nicht eigene Interpretationen und Ideen zum Thema zu präsentieren. Außerdem war da immer der Ruch des dumpfbackig-biertrinkenden, Redneckparolen grölenden Rassisten. Angesichts der Besetzung z.B. der ALLMAN BROTHERS BAND natürlich ein einziger Hohn. Auch wenn sich Charlie Daniels seit Jahren als ultrarechter Lautsprecher disqualifiziert, Rückschlüsse auf eine ganze Szene sind ohne Zweifel absolut fahrlässig, schließlich ging auch der deutsche Schlager-Heros Heino in Zeiten finsterster Apartheid in Südafrika auf Tour und sang alle Strophen der deutschen Nationalhymne. Es entlarven sich immer nur einzelne Menschen, nie darf man verallgemeinern.

Bruce Brookshire von DOC HOLLIDAY sagte mir einmal, daß er und seine Band sich als "Punks der Southern Rock Szene" fühlten, als sie in den späten Siebzigern bzw. den frühen Achtzigern als "zweite Generation" starteten. Diese zweite Generation jedoch war es, die mich persönlich erst wirklich zum Southern Rock brachte. MOLLY HATCHET 1978 (und noch mehr mit dem monumentalen Zweitwerk "Flirtin' With Disaster" aus dem Jahr 1979), die genannten DOC HOLLIDAY, 38 SPECIAL mit ihren drei ersten Platten, BLACKFOOT oder auch die OUTLAWS waren plötzlich da (in diesem Kontext ist das jeweilige Gründungsdatum der Bands unwichtig, es geht um die Erscheinung der Platten auf dem - deutschen - Markt und um das Erscheinen auf meinem Plattenteller) . Und sie waren laut, hart, ließen die Gitarren zwei- oder gar dreistimmig dahinrocken und flogen in ihren Soli höher als alles bis dahin gehörte - selbst SKYNYRD klangen dagegen (verhältnismäßig) brav, die neuen Bands hatten Shouter die wie echte Kerle klangen, kurz, sie spielten die Art Musik, die mich bis heute vollständig in ihren Bann zieht. Daß diese Bands natürlich allesamt Duane Allman und Ronnie Van Zant (der fraglos wie mindestens zwei echte Kerle klang) im Geiste verbunden waren und im Grunde gar nichts anderes machten... ich habe es erst Jahre später erkannt.
Und auch eine junge Band aus München hat dies möglicherweise nicht gewußt oder realisiert, denn ihre erste und leider einzige LP war eben genau von MOLLY HATCHET geprägt und nicht von SKYNYRD oder den anderen.

Creepy Layne - Let The Rebels Rock

Es war Ende der siebziger Jahre, wir hatten gerade mühsam gegen die Dilettanten der SEX PISTOLS gekämpft und die Nase über den kommerziellen Ausverkauf des Punk gerümpft, da kam eine Band aus München-Pasing daher und spielte auf den Punkt genau den Sound der ersten beiden Platten von MOLLY HATCHET. Und sie hatten eigene Songs!
Ich weiß nicht mehr, wie oft ich sie live gesehen habe. Fünf-, vielleicht zehnmal, oh Mann, diese Band hat abgeräumt. Gitarrenschlachten, Boogie und klassischer Southern Rock im Stil der härtesten Nummern der amerikanischen Vorbilder.
CREEPY LAYNE hieß diese Band und ein paar Dutzend Fans in München und Umland gaben alles (also die letzte Mark für das S-Bahn Ticket zum nächsten Konzert), aber die Band löste sich (Achtung: Ironie!) noch vor dem zu erwartenden großen Durchbruch auf.
Die LP hieß "Let The Rebels Rock", erschien beim damaligen Label Zyx Records, wurde sogar in Jacksonville/FL gemischt und retrospektiv betrachtet hat sie eigentlich nur einen Schwachpunkt: Der Gesang ist zu dünn. Allerdings dürfte Robert Stragalinós etwa mein Jahrgang sein und das heißt, daß er seinerzeit noch nicht furchtbar weit jenseits des Stimmbruchs war. Ansonsten ist die LP von grandiosen Double-Leads und feisten Rockern geprägt.
Songs wie Black Friend, Dixie Talkin' oder Round Up haben bis heute in Deutschland, und auch anderswo, kaum Ebenbürtiges gefunden. Selbst das obligatorische Free Bird-Plagiat fällt mit The Dirty Deal ausnehmend unsentimental aus, dafür gibt es wunderschöne, hart rockende Gitarrenkaskaden, von denen man hofft, daß sie nie enden.
Meines Wissens ist aus dieser Band nur noch der außerordentlich begabte Pianist Ludwig Seuß als Musiker aktiv. Er ist seit vielen Jahren Mitglied der SPIDER MURPHY GANG und betreibt nebenbei seine Solokarriere mit wunderbarer Zydeco- und Cajun-Musik. Vom Southern Rock der frühen Jahre ist leider keine Rede mehr.

Creepy Layne im Home of Rock

Hot'Lanta

Hot'Lanta- No One Won Es gab eine zweite Band in den Jahren 1981, '82, die Southern Rock ohne peinliche Coverversuche spielte. HOT'LANTA hießen die und sie haben viele Fragezeichen hinterlassen. Die Band hatte formidable Rock & Roller im Programm, zeigte in ihren besten Momenten Southern Rock par excellence und konterkarierte sich gleich anschließend mit peinsamen Tanznummern. Die beispielsweise an SANTANA angelehnten Stücke gingen noch völlig in Ordnung, aber wenn es in Richtung Schlager abdriftete... Andererseits nahm man mit z.B. Loaded And Brokedown (die albern produzierten Vocals weggedacht) oder Carry Me schon den späteren Sound von 38 SPECIAL in abgespeckter Form voraus.
HOT'LANTA gehören mit Fug und Recht zur deutschen Southern Rock Historie, sind aber eindeutig nicht nur von Southern Rock beeinflußt gewesen. Beide LPs klingen für heutige Verhältnisse altmodisch und (im schlechten Sinne des Wortes) teilweise sehr deutsch. Dennoch sind "No One Won" und "Good Time Rollers" (eindeutig die schwächere - weil einem Trenddenken folgend produziert - der beiden Scheiben) ein Muß für Fans - gut die Hälfte des Outputs ist toller Stoff. Wanted, Back To Georgia, Southern People, Sex Pistol und etliche andere bieten klassischen Double-Lead Southern Rock, ganz genau wie es der Fan eigentlich goutieren sollte - die Band ist dennoch gescheitert und sang- und klanglos verschwunden.
Warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, dieses Zeug auf CD zu veröffentlichen?

Hot'lanta im Home of Rock

So. Und dann war erst mal Schluß mit Southern Rock aus Germoney. Man kann Helmut Kohl viel vorwerfen, am Niedergang meiner Musik ist er nicht schuld. Auch in den U.S.A. sanken alle Sterne. Einige langsam und qualvoll, wie der von BLACKFOOT, andere kurz, schmerzlos und auf nimmerwiedersehen, wenige, wie 38 SPECIAL, hielten sich mittels Kurskorrektur Richtung Mainstream auf erfolgreichem Weg, waren aber für die alte Kundschaft nicht mehr interessant. Die ROSSINGTON COLLINS BAND startete nie richtig durch, Gary Rossington lieferte unter eigenem Namen ein gräßliches Pop-Album und in Europa herrschte Agonie. Man freute sich schon über fünftklassige Countrybands, die ein paar alte Hits nachspielten.
Die Zeit der Leiden endete 1987, als die Nachricht der LYNYRD SKYNRD Reunion auch in Europa die Runde machte (wohlgemerkt: es gab noch kein Internet und die Printmedien zeigten eher mäßiges Interesse, dennoch sorgte die Tour mitsamt 1988 veröffentlichter CD für Furore). Etwa zu dieser Zeit las man auch ab und an von einer neuen und heißen deutschen Band, der GENERAL LEE BAND. Doch bis zu einem auf CD hörbaren Ergebnis sollte es noch bis 1991 dauern.

General Lee Band - Confederal Wedding

Chef und Antreiber der Band war Sänger Willi Eilers, folgerichtig "The General" genannt. Und der hatte richtig Schmackes in der Stimme. Eilers war eigentlich der erste Deutsche, der mit Giganten wie Danny Joe Brown wenigstens ansatzweise mithalten konnte, und auch wenn die Töne nicht immer zu 100% paßten und manches ein wenig steif und/oder unterproduziert klang, mit den - leider fast nur aus Coversongs bestehenden - beiden ersten CDs "Confederal Wedding" (1991) und "Southern Heat" (1993) mischte die Band die winzige Szene anständig auf. Eine Menge Konzerte und Support-Slots bei u.a. MOLLY HATCHET folgten und die Band wurde langsam zu einem sicheren Geheimtip.
General Lee Band - Southern Heat Wie bei CREEPY LAYNE waren die ganz großen Vorbilder wieder MOLLY HATCHET. Diesmal jedoch mehr die Version der Achtziger, etwa ab "Take No Prisoners" von '81, was auch die gewählten Cover (Bloody Reunion, Respect Me In The Morning, Long Tall Sally) und die Anwesenheit einer Sängerin bestätigen. Aber auch bei den OUTLAWS, DOC HOLLIDAY und natürlich SKYNYRD bediente sich die Band des Generals. Und das zum größten Teil äußerst überzeugend. Vor allem die beiden Gitarristen konnten begeistern, das war perfektes Handwerk.
Mein persönlicher Lieblingssong ist übrigens kein Southern Rocker sondern eine tolle Version von Amos Moses, das man von Alex Harvey kennt.

General Lee Band - (Side By Side With) Jesse James

Eigentlich fehlte der Band aus dem Sauerland nur ein kleines Schippchen mehr Eigenständigkeit, etwas Swing und Groove, und ein Haufen Toleranz und Respekt von Seiten des Business und der Konsumenten. Dann hätte die GENERAL LEE BAND es wahrscheinlich geschafft. Die wenigen eigenen Songs hatten auf jeden Fall Potential und verlangten nach mehr. So passierte was passieren mußte, die Band brach auseinander. Der Nukleus um Will Eilers schob 1997 unter dem Namen SOUTHERN TRIBUTE BAND noch die CD "Rebel By Choice" nach, der versprengte Rest nahm mit altem Namen eine ganz ordentliche 4-Track EP auf und war noch ein paar Jahre live aktiv.
Southern Tribute Band - Rebel By Choice "Rebel By Choice" hätte als Drittwerk unter dem ursprünglichen Namen einen Quantensprung bedeutet. Trotzdem wiederum nur Fremdtitel verwendet wurden, klang die Band wesentlich tighter und auch die Produktion war deutlich besser. Eine sehr interessante Interpretation von HATCHETs Dead And Gone mit mutigen Gitarrenarrangements weitab vom Original, Wild Eyed Southern Boys ausgesprochen feurig, Swamp Music klasse "sleazy" gesungen... ein wirklich gelungener Schwanengesang.

General Lee Band im Home of Rock

Street Survivors - Southern Rock Will Never Die Derweil startete mit großem Ballyhoo ein weiteres Projekt deutscher Southern Rock Music ... und war genau so schnell auch wieder verschwunden. Die STREET SURVIVORS vom Niederrhein boten 1997 nicht nur eines der geschmacklosesten CD-Cover aller Zeiten (das Bein eines Toten mit Registrierzettel am Zeh hängend... ohne Worte), sie konnten mich persönlich mit ihrer CD "Southern Rock Will Never Die" nie überzeugen. Trotz durchgängig eigener Kompositionen, ordentlichem Sänger und astreiner Gitarren- und Tastenarbeit hatte die CD keinen einzigen überraschenden Moment. Absolut vorhersehbar und in allen Einzelteilen bei SKYNYRD & Co. entlehnt, dazu viel zu brav und nach 80er-Soundstandard produziert, nein, das hat bei mir nicht funktioniert. Speziell die Balladen kann ein Rockfan getrost überspringen.
Allerdings darf man nicht verschweigen, daß die STREET SURVIVORS live durchaus abräumten und es sich lediglich um ein Debüt handelte, bei dem ohne Zweifel einige Songs wirklich Drive hatten. Wer weiß, was aus dieser Band hätte werden können, wenn sie Durchhaltevermögen besessen hätte. In Sammlerkreisen ist die CD heute sehr begehrt.

Street Survivors im Home of Rock

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GENERAL LEE hin, STREET SURVIVORS her, mittlerweile hatte sich längst die Band etabliert, die seit inzwischen 1 ½ Jahrzehnten in Deutschland und Europa den Standard setzt: LIZARD.
Auch hier war der Sänger Chef und Motor, Georg Bayer (glühender ALLMAN BROTHERS Fan und "Brother" von DOC HOLLIDAYs Bruce Brookshire, der auch die erste CD produzierte) zog die Band am Haarschopf seit Anfang der Neunziger durch alle Tiefen bundesdeutscher Rock-Tristesse, schrieb Songs, kämpfte und gab nicht auf, trotzdem die Band ausgerechnet zum Beginn der unsäglichen Grunge-Welle startete und den ihr zustehenden Lohn bis heute nicht kassieren konnte. Rock & Roll ist oft ungerecht.

Lizard - Rock'n'Roll Refugees

Kein Plattenerstling einer deutschen Band seit CREEPY LAYNE (die aber aus anderen Gründen und über ein Jahrzehnt früher) hat mich so berührt wie "Rock'n'Roll Refugees" im Jahr 1991. LIZARD kamen von Anfang an nicht mit Klischees und von irgendwelchen Vorbildern geklauten Puzzleteilchen daher, es war immer Rockmusik, die man zwar im Kontext "Southern Rock" sehen konnte, die aber, weitab von altbekannter Free Bird-Glückseligkeit, im Rahmen jedes "Classic Rock" Events bestehen konnte. Nicht umsonst supporteten LIZARD Nicht-Southern Acts wie die KINKS, GOLDEN EARRING, MANFRED MANN'S EARTH BAND oder WISHBONE ASH.
Mein erstes Liveerlebnis war allerdings eine Tour mit Rick Medlocke's BLACKFOOT-Rumpfbesetzung und DOC HOLLIDAY. Und es war klar: Diese Band war besser als alles andere in Deutschland - es ging nur darum, daß sie durchhielten, schließlich ist man als Fan auch egoistisch und möchte nicht alle paar Jahre nach neuen Größen Ausschau halten müssen.
Und prompt passierte es, die Band zerbrach und Georg Bayer stand mit ein paar Songs für das geplante zweite Album alleine da.

Borderline - Line Up

Echte Brüder lassen einen aber nicht hängen und aus der Verlegenheit heraus entstand das vermutlich größte All-Star Projekt eines deutschen Musikers ohne Hilfe der Großindustrie. Vorausgesetzt man ist Rockfan und nicht Freund altbackener "Leslie Mandoki lädt seine Freunde aus dem Rockolymp ein" Superhits-Verramschungsaktionen.
Man darf sich auf der Zunge zergehen lassen, welche grandiosen Musiker auf "Line Up" vertreten waren: Neben Bruce Brookshire und seinen DOC HOLLIDAY Mitstreitern "Bud" Ford (Bass), "Cadillac" Lastinger (Drums) und John Turner Samuelson (Guitar) waren Micky Moody und Bernie Marsden (ex WHITESNAKE & COMPANY OF SNAKES, heute M3), Rob Walker (STILLWATER), Jeff Carlisi (38 SPECIAL) plus etliche andere bekannte Namen der deutschen und amerikanischen Szene an der CD beteiligt. Heraus kamen 14 Songs, die zwar leider aus Kosten- und Zeitgründen nicht perfekt produziert werden konnten - außerdem hatte Bruce Brookshire in den Neunzigern ohnehin eine eigenwillige Auffassung von Sound - die aber in ihren besten Momenten (mein all time fave Bring Me Some Water, Josephine, She Drives Me Crazy, Macon, Georgia, Hold Me Now, leider nie mehr im Liveset aufgetaucht) die mit weitem Abstand beste Albumproduktion eines deutschen Sängers bis dahin darstellte.
Natürlich ging die Plattenfirma Long Island Records bald darauf pleite, natürlich verkaufte sich die Platte weit schlechter als verdient, natürlich durften wir das "Line Up" Line-up nie live sehen...

Lizard - Live

Glücklicherweise ging es 1995 mit LIZARD weiter. Eine neue Besetzung, darunter das exorbitante Gitarrenduo Christoph Berner und Volker Dörfler, die EP "Riding On A Train" 1996, und viele viele Konzerte führten endlich 1998 zur Aufnahme der "Live" CD. Erschienen 1999 beim kleinen Stormy Monday Label (unnötig zu sagen, daß die Promotion entsprechend mäßig verlief) und in exzellenter Qualität, zeigte "Live" die Band in beinahe unnatürlich guter Verfassung. Doch alle Bedenken bezüglich eventuell mangelnder Authentizität konnte ich in den folgenden Jahren bei einigen Dutzend Auftritten der Band restlos begraben. LIZARD hatten eine völlig neue Stufe der Perfektion erreicht.

Lizard - Southern Steel

Im Dezember 2000 sah ich LIZARD im Vorprogramm von MOLLY HATCHET. Georg Bayer mit gebrochenem Arm, die Band in überwältigender Form. Im Februar 2001 erschien die CD "Southern Steel", und damit der beste europäische Southern Rock Longplayer aller Zeiten. Man kann keinen einzigen Song dieser CD als "mittelmäßig" oder gar "Lückenfüller" bezeichnen, "Southern Steel" ist rundherum und in allen Belangen ein Masterpiece, das nicht nur national, sondern auch im Vergleich mit amerikanischen Produktionen bis heute weit vorne liegt.
Die neue Plattenfirma Halycon leistete gute Arbeit, die CD verkaufte sich für die Verhältnisse im Jahr 2001 gut, alles schien nach einem wunderbaren Happy End auszusehen und die neuerliche Tour mit DOC HOLLIDAY kam bei einem überraschend großen Publikum bestens an.

Ein Jahr später stellte das Label Halycon seine Arbeit (für 3 Jahre) ein, die gesamte Plattenindustrie erkrankte an "Schwindsucht", mit dem Euro kamen für den Musikkonsumenten plötzlich Probleme, die, gelinde gesagt, für Ablenkung sorgten und LIZARD spielten weiterhin einen phänomenalen Gig nach dem anderen. Wieder mit Bruce Brookshire und seinen Jungs auf Deutschlandtour, wieder durch die kleinen und größeren Clubs, irgendwann im Laufe des Jahres 2003 konnte man dann die ersten neuen Songs hören.
Lizard - Lonely Are The Brave Im Herbst 2003 erschien die CD "Lonely Are The Brave", und damit der beste europäische Southern Rock Longplayer aller Zeiten. Déjà-vu? Beabsichtigt! "Lonely Are The Brave" stellte "Southern Steel" unglaublicherweise in den Schatten. Und dazu alle anderen in den letzten Jahren erschienen Southern Rock CDs. Keine Worte mehr hierzu, wer diese beiden CDs nicht besitzt, darf sich nicht Southern Rock Fan nennen.
Das jetzt tätige Label Phoenix Records kämpft tapfer, kann aber die Marktregularien nicht außer Kraft setzen und die Verkäufe der CD hinken leider deutlich hinter "Southern Steel" her.

Georg Bayer verkündete bereits seit Ende 2003, daß für ihn im Herbst 2004 Schluß sei. Ernst hat diese Drohung eigentlich niemand genommen, aber er tat es doch! Mit einem sensationellen Farewell-Konzert im Oktober verabschiedete er sich von Band und Bühne und übergab das Mikrophon an einen jungen Sänger namens Stefan Kossman. LIZARD wird es weiter geben und ein paar Tausend Fans und ich hoffen, daß die Band noch lange dieses Weltklasseniveau halten kann.

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Lizard im Home of Rock

Logo Flatman

Dieser junge Sänger Stefan Kossmann hat allerdings auch bereits eine längere Geschichte. Schon 1997 gründete er die erste Version seiner Band FLATMAN und spielte sich als SKYNYRD-Coverband durch das bayrische Franken. Es dauerte allerdings ein paar Jahre, bis die Band ein eigenes Gesicht hatte und 2002 eine erste CD mit selbst geschriebenen Songs veröffentlichte.
Mit drei Gitarren stürmte die Band vor allem live unwiderstehlich und vorwiegend brachial rockend direkt von Null auf Platz 2 im Ranking deutscher Southern Bands. Stefan und sein Bruder Torsten drückten der Band nahezu von Konzert zu Konzert einen immer professionelleren Stempel auf, zeigten geschickt die Möglichkeiten eines 3-Gitarren-Line-Up, und ließen gleichzeitig kein Klischee gelungenen Posings ungenutzt. Dazu kommt die frappierende Ähnlichkeit Stefans mit seinem Idol Ronnie Van Zant. Gleicher Bart, gleiche Bewegungen (die er Dank der späten Geburt natürlich nie live abschauen konnte), sehr ähnliche Stimmfärbung. Optisch waren FLATMAN von Anfang an ein Genuß. Musikalisch war ab dem Debüt "A Bottle Of Booze" alles im Lot.

Flatman - A Bottle Of Booze

FLATMAN machten auf ihrer ersten CD eine Menge der Fehler, die eine junge Band zu diesem Anlaß machen darf. Und trotzdem überzeugte die Platte, und vor allem im Wissen um das Livepotential der Gruppe hatte man an "A Bottle Of Booze" allergrößten Spaß. Unbekümmert und frisch galoppierte die Band durch die sattsam bekannten Weiten des Southern Rock, machte sich aber trotz aller Gemeinsamkeiten nie zu einem Tribute-Projekt. Viele Konzerte, u.a. mit LIZARD und REBEL STORM, schweißten die Band mehr und mehr zusammen und machten Appetit auf die zweite CD...
Flatman - Hell-Bent On Glory ... die endlich im Sommer 2004 fertiggestellt wurde und einen weiteren Schritt nach vorne bedeutete. Musikalisch auf jeden Fall, wie es kommerziell aussieht, wird die Zeit zeigen.

Wenn einer wie Georg Bayer aufhört, hat die zugehörige Band ein Problem. Folgerichtig fragten LIZARD also bei Stefan Kossmann an, ob er die Lücke in der besten Band Europas schließen wolle. Wollte er und seitdem ist er nicht nur Sänger, Gitarrist und Songwriter bei FLATMAN sondern eben auch Frontmann bei LIZARD. Auf diesem Niveau muß eine Band den bestmöglichen Ersatzmann aufbieten, sonst ist die Champions League schnell verspielt. Gleichzeitig bietet sich für Kossmann die Chance, mit einer über Jahre eingespielten Top-Band über den Tellerrand traditionellen Southern Rocks hinaus zu blicken.

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Moderate Pace - Gasoline Im Sog der beiden Größen auf dem nationalen Markt haben sich erfreulicherweise weitere Bands einen Namen erspielt. Zum Beispiel MODERATE PACE aus dem Sauerland, die 2002 mit "Gasoline" ein mehr als anständiges Debüt veröffentlichten, danach aber durch Umbesetzungen etwas aus der Bahn geworfen wurden. Keinesfalls als reine Southern Band zu bezeichnen, bieten M.P. einen hörenswerten Mix aus R & B, Bluesrock, Country, Funk und Westcoast mit immer wieder traditionellen Southern-Leihgaben. Allerdings sollte diese Band schleunigst mit einem neuen Longplayer aufwarten und großflächiger auftreten, da ansonsten ein Abstieg in Richtung regionale Kneipen- und Straßenfestkapelle droht.

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Nocturn - Nocturn Gleiches gilt für die Hamburger NOCTURN, die live gut kommen, aber ihre gleichnamige erste CD 2001 ein wenig kaputt experimentierten. Auch hier verhinderten Umbesetzungen und der tragische Tod des Keyboarders einen kontinuierlichen Ausbau des Bekanntheitsgrades. 2005 müssen verstärkte Aktivitäten erfolgen, um weg vom Ruf des reinen Spaßprojekts zu kommen. Auch die Besetzung mit nur einer Gitarre entspricht nicht der gängigen Vorstellung einer Southern Band.

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G'Loyd - Live Nights Anders sieht die Sachlage bei G'LOYD aus Düsseldorf aus. Seit 1976 (!) beackert die Band um Mitbegründer Peter Steinmann die regionalen Clubs, hat seit 1986 fünf Longplayer aufgenommen, spielte bei zahllosen internationalen Acts im Vorprogramm und dürfte die ganze Angelegenheit längst nicht mehr all zu ernst nehmen. Ihren partytauglichen Mix aus Hard- und Southern Rock hört man dennoch vor allem live immer wieder gern.

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Two Moon - Hard Live Nicht mehr hören wird man die fränkische Band TWO MOON. Jedenfalls nicht in der Besetzung, die 2002 das hörenswerte Debüt "Hard Live" bei einem Auftritt im Vorprogramm von DOC HOLLIDAY eingespielt hat. Die Band löste sich im Sommer 2004 überraschend auf, will aber unter Leitung von Gründer Alex Fuchs und Gitarrist Dieter Gottschling in 2005 nochmals einen Versuch wagen. Hoffentlich diesmal mit mehr Mut und Durchhaltevermögen.

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Bestenfalls in die Nähe von Southern Rock kann man die Berliner Band HEMPBELLS rücken. Gut gemachter Bluesrock, stark beeinflußt von der Texas-Legende ZZ TOP. Respektabel und jederzeit für einen Clubbesuch geeignet, aber eben ein Trio und damit fernab jedes Verdachts, eine "echte" Southern Rock Band zu sein.
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Southern Rock in Deutschland ist ein Thema, das auf den ersten Blick einfach und übersichtlich scheint, auf den zweiten allerdings beinahe absurde Ausmaße annimmt...
Beschafft Euch doch die raren und nicht so raren Scheiben der hier vorgestellten Bands und geht zu den Konzerten dieser wenigen aufrechten (Southern) Rocker. Eines ist garantiert: Mehr Spaß als bei den heute üblichen Großevents der Marke "Rolling Bones in the Park" zu astronomischen Preisen und Liveatmosphäre via Videowand. Ob es dann Southern Rock ist oder nicht müßt Ihr selbst entscheiden!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 01.02.2005

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