|
ArtikelThe Pretty ThingsDie Bösen Buben |
![]() |
|
|
|
Es war im Frühsommer des Jahres 1965. Ich war 15 Jahre alt und ging in die Neunte Gymnasium. Unsere Band,
"The Smiling Gurkeys", hatte ihre ersten Faschingsauftritte hinter sich gebracht mit selbst gebastelten
Röhren-Amps und Boxen. Bernd, zweite Gitarre, war Hobbyelektroniker und hatte seine gesamte Freizeit in die
drei Anlagen gesteckt.
Es gab zwei Fernsehprogramme und wir hatten einen Dual-Kofferplattenspieler, Mono, mit im Deckel eingebautem Lautsprecher, die Eltern meines Freundes Charly hatten schon eine Stereotruhe. Und in der ARD gab es den Beat Club von Radio Bremen. Die Freunde hatten alle Beatles- und Stones-Platten, ich nur wenige. Schon damals war ich immer auf der Suche nach dem, was die anderen nicht hatten, Yardbirds (I'm a man, 1964) und Them (Gloria, Mystic Eyes) sind Beispiele. Die Original-LPs und Singles sind schon vor vielen Jahren den Weg alles Vergänglichen gegangen, darunter auch meine Singles der Pretty Things. Als mir vor wenigen Wochen beim Second Hand Dealer für fünf Euro "The Pretty Things Collection" in die Hand geriet, ich das Case umdrehte und die Titel laß, konnte ich nicht mehr widerstehen. Zu Hause legte ich die CD auf und schwelgte in Erinnerungen. Der Sound war wie erwartet - alt und nur zu ertragen, weil viele meiner Liebling darauf versammelt sind, ob Honey I need und I can never say, damals auf einer Single, oder Midnight to six man, ein Song der mir zum Gitarreüben gerade rechtkam, innovativ in der Akkordfolge, wie ich es zuvor nicht gekannt hatte. Nur eine Woche später lagen plötzlich vier weitere Alben der Schönen Dinge vor mir,
herausgegeben von Repertoire Records im Digipack mit aufwendigem 16-seitigem Booklet, als Sammlerstück,
für deren Überlassung zur Besprechung wir uns bei SPV herzlich bedanken.
Nr. 1 und 2, "The Pretty Things" und "Get the picture", um die es jetzt geht, präsentieren je 18 Songs,
12 Original- plus 6 Bonustracks, Singletitel, alle remastered und einen Videotrack, also randvoll. Ist ja doch logisch, dass während ich diese Zeilen schreibe, die CD Nr. 1 läuft, zum dritten Mal. Und sie wird mit jedem Mal besser. The Pretty Things, 1965
The Pretty Things hatten längere Haare als die anderen Beat-Bands (Rock gab es noch nicht), waren die Ersten, denen Drogenmißbrauch nachgesagt wurde und ihre Musik war dreckig und härter, als die der Beatles, Stones usw. Die Beatles hätten in diesen Tagen nie den Song Mama, keep Your Big Mouth Shut gebracht und ich war froh, dass weder Mutter noch Vater den Text verstanden. Die Stones versuchten sich darin, der Kontrapunkt zu den Fab Four zu sein, aber die Pretty Things liefen ihnen in dieser Hinsicht den Rang ab. Und sie spielten Rhythm and Blues, etwas was den Liverpoolern fremd war, den Stones nicht so sehr. Die Mundharmonika hatte ich so noch nie gehört (John Mayall war in Deutschland wirklich nur den wenigen Eingeweihten bekannt), die Soli waren deutlich härter, wie z.B. auch die der Yardbirds und Phil May sang rauher als Mick Jagger (in meinen Ohren). Oh Baby Doll ist hier ein Paradebeispiel. So viel Gitarrensolo wie in diesem einen Song, gab's auf keiner Beatles-LP insgesamt. Dieser schnelle R&B war für mich absolutes Neuland. Oder die Art, wie Honey, I need aufgebaut ist, sowas hatte ich nie gehört. In die gleiche Kerbe schlugen Big City, Don't bring me down und I can never say. Nicht umsonst bringen mich diese Titel auch heute wieder in Fahrt. Mit den Bluesnummern konnte ich damals nicht soviel anfangen, merke aber heute, dass sie bei mir den Weg bereitet haben. Blues war damals in Deutschland eine der Allgemeinheit ziemlich unbekannte Musikrichtung und ich denke, dass erst die Anwesenheit unserer amerikanischen Freunde und damit Sendern wie dem AFN oder Radio Free Europe, mehr Leute darauf aufmerksam gemacht hat. Blues hieß für uns Schieber und der kam im Big Apple um 22.00. So ab 21.45 schauten wir, dass wir ein Mädel auf die Tanzfläche brachten. Für den Schieber. Vielleicht ging ja was. Nur sechs der 18 Songs sind mir nicht so geläufig, der Rest löst die Erinnerung "Hit" aus. Im Booklet lese ich, dass die Aufnahme dieser ersten LP 48 Stunden gedauert hat. Alles live, in Mono, keine Overdubs oder nachträgliche Änderungen. Wie auch, die Technik dazu war noch in den Kinderschuhen. Der Videotrack läuft 2 Minuten und 20 Sekunden und enthält Rosalyn, zeigt deutlich gealterte Musiker. Leider gibt es im Booklet hierzu keine Angaben. Get the picture?, 1965
Noch im selben Jahr 1965 kam "Get the Picture?" in die Läden. Meinem Gefühl nach sind hier nur drei Hits enthalten: Midnight to Six Man, Come and see me und L.S.D. Vielleicht sind die anderen durch das größer gewordene Musikangebot bei mir nicht so angekommen. Mag sein. Aber, wenn ich "Get the Picture?" heute so höre, glaube ich zu wissen, warum. Insgesamt gefällt mir das Songmaterial nicht so gut, wie das des Erstlings. Im Booklet steht geschrieben, dass die Band kompositorisch Fortschritte machte. Dies gestehe ich ihr gerne zu, denn die drei oben genannten sind Meilensteine. Me needing you geht für mich deutlich in Richtung psychedelic rock. You don't believe me klingt wie eine Punkversion eines Searchers Hits. Die Intro-Gitarren sind frappierend ähnlich. The Searchers waren vor den Pretty Things unter den Megasellern. Sugar and Spice, Sweets for my Sweet, When You walk in the Room, Love Potion No 9 und Needles and Pins sind wunderschöne Songs mit dem für die Bands so typischen süßen Harmonigesang. Auffallend ist die omnipräsente Leadgitarre, die auch während der Strophe praktisch als zweite
Gesangsstimme fungiert. Etwas, was mir schon beim Erscheinen nicht so gut gefiel. Und dies hat sich nicht
geändert. Dass die drei besten Songs dieser remasterten CD unter den Bonustracks sind, unterstreicht meinen
Eindruck. Experimentell klingt I had a Dream mit der zirpenden Slidegitarre. Ich finde sie etwas nervend.
Würde mir heute ein Gitarrist so etwas vorspielen, würde ich antworten "Lass' es und üb' noch ein
bisschen".
Auf der Strecke blieb großteils der Rhythm & Blues, der die Songs der ersten LP auszeichnet. Es zeichnet sich die Entwicklung ab, die dann bei den Folgealben konsequent fortgesetzt wurde und die mich nicht mehr ansprach und anspricht. Es ist schon erstaunlich, dass 37 Jahre daran nichts geändert haben. Eine letzte Anmerkung: Mit Cry to me sind die Pretty Things den Stones zuvorgekommen. Man mag darüber streiten, welche Version die bessere sei. Zu meinen Lieblingen hat der Songs nie gehört, darum ist mir das letzlich egal. Der Videoclip, S/W, läuft 13 Minuten und 8 Sekunden (194 MB), zeigt die Band im Studio bei der Aufnahme von Midnight to six men, einen Film zu Can't stand the pain und Liveaufnahmen von Me needing You in einem Club, die zeigt, dass nicht nur bei den Beatles die Mädchen ausgeflippt sind und als Abschluß LSD im Studio. Remastered wurden die Songs, von, wie sollte es auch anders sein, "EROC at the Ranch". Was bei Come see me oder L.S.D. (um nur zwei Beispiel zu nennen) aus den Boxen kommt, könnte auch heute aufgenommen worden sein, wenn jemand sagt, "ich möchte so klingen wie damals". Irre. Wer kauft sich diese CDs? Wer wie ich die Zeit erlebt hat, für den/die sind sie eine schöne Erinnerung, sofern denn die Erinnerungen positiv sind. Meine sind es. Oder wer wissen möchte, wie alles begann. Ohne den Einfluß der Beatles als Wegbereiter schmälern zu wollen behaupte ich doch, dass The Pretty Things einen großen Anteil an der Entwicklung der Rockmusik haben. Wie sehr sie mein Hören und Musikempfinden geprägt haben, ist mir eigentlich erst jetzt beim Verfassen dieses Artikels bewusst geworden. Ist es nicht unglaublich, dass nach 37 Jahren die Songs bei mir genauso gut ankommen? Ich hätte es nicht geglaubt, aber jetzt weiß ich es. Werner Saumweber, (Impressum, Artikelliste), 22.06.2002 |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|