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Zum Sommeranfang dieses Jahres veröffentlichten MOTÖRHEAD mit "Inferno" ein Album, welches den alten Klassikern locker das Wasser reichen kann. Live präsentierten sie sich (u.a. beim Arrow Rock Festival in Lichtenvoorde, NL) in bester Spiellaune und zeigten jedem Anwesenden, dass nach wie vor mit ihnen zu rechnen ist.
Wer den Werdegang der Band über viele Jahre hinweg verfolgt hat stellt sich vielleicht die Frage welche Besetzung denn nun die Beste war/ist. Es tauchen immer mal wieder Fragen nach der sogenannten "legendären" Formation auf, die 1982 mit dem Ausstieg des Gitarristen "Fast" Eddie Clarke ihr Ende fand. Nur ... waren es damals auch die besten MOTÖRHEAD aller Zeiten?
Wenn von MOTÖRHEAD die Rede ist, schwebt stets das Wort "Kult" im Raume. Und viele, die heute mit einem Motorkopp T-Shirt durch die Weltgeschichte pilgern und vor 25 Jahren noch in der Sandkiste saßen oder die feuchten Träume ihrer Eltern waren, haben die legendäre Formation Lemmy Kilmister/"Fast" Eddie Clarke/ Philthy "Animal" Taylor niemals erleben dürfen. Doch wie das halt mit Legenden so ist, nicht alles was glänzt bedeutet Gold.
Meine erste Begegnung mit MOTÖRHEAD bildete das Album "Ace Of Spades", und es war klar, dass nach solch einem Überhammer schnell neuer "Stoff" benötigt wurde. Dazu mussten die früheren "Werke" herhalten.
"Overkill" (1979), MOTÖRHEAD's erste Veröffentlichung auf dem Bronze Label, darf heute gewiss als Klassiker bezeichnet werden. Das Album bescherte der Band den erstmaligen Einstieg in die UK Top 30 und enthält eine Reihe von auch heute noch gespielten Song-Highlights. Produziert von Jimmy Miller, der zuvor u.a. auch mit den ROLLING STONES gearbeitet hatte, klingt "Overkill" noch nicht so metallisch/punkig wie die Scheiben der folgenden Jahre, sondern der Sound wirkt roh, trocken und die einzelnen Songs haben zumeist einen harten rock'n'rolligen, teils bluesigen Einschlag. Paradebeispiel ist da der letzte Albumtrack, Limb From Limb. Nach einem verhaltenem Anfang wird zur Mitte hin das Tempo verändert und MOTÖRHEAD treten das Gaspedal durch. Der Opener Overkill wird zu einem "Muss" in jedem Auftritt der Band und ist bis heute aus ihren Konzerten nicht wegzudenken. Stay Clean, das stampfende No Class, der darauf folgende alles zermalmende Kracher Damage Case oder Tear Ya Down, die Tracks ähneln zwar einander, bilden jedoch keinen Einheitsbrei, sondern jeweils eine Songpatrone in Lemmy's Gurt.
I'll Be Your Sister ist der Vorläufer des ein Jahr später folgenden Über-Songs Shoot You In The Back und groovt mit einem Heavyriff ohne Ende, und (I Won't) Pay Your Price ähnelt besonders durch sein Solo ein wenig den britischen Pubrockern DR. FEELGOOD in ihrer frühesten Phase, nur mit erheblich mehr Härte versehen.
Das machtvolle Metropolis bietet ein wenig Veränderung im Geschwindigkeitsbereich, ohne aber die motörhead'schen Trademarks zu verlieren. Lediglich Capricorn hält nicht ganz das Niveau, ist jedoch bei weitem nicht als bloßer "Füller" anzusehen.
"Overkill" kommt daher wie ein Urknall, Lemmy brüllt sich die Seele aus dem Leib, und Fast Eddie zeigt auf wo in den nächsten Jahren der Hammer in puncto Gitarrenheaviness hängt. Das Album katapultiert MOTÖRHEAD mit einem Schlag in die erste Hard'n'Heavy-Liga.
Im August des gleichen Jahres geht man erneut ins Studio um den Nachfolger "Bomber" einzuspielen. Gemäß dem Motto "never change a winning team" bleibt Jimmy Miller der Knöpfchendreher. Nach ihrem Erscheinen klettert die Scheibe bis auf Platz 12 der britischen Charts.
Die folgende Tour lässt erstmals den legendären Bomber Teil ihrer Lightshow werden. MOTÖRHEAD erspielen sich eine ständig wachsende Fangemeinde, welchen oft gelangweilt von den alten Rockdinosauriern ständig nach "härter, schneller, lauter" lechzt und vom Trio Infernale genau dieses geboten bekommt. Lemmy, Fast Eddie und Philthy Animal sind "pur", kein durchgestyltes Marketing Produkt findiger Manager und treffen voll den Nerv der aufstrebenden Hard'n'Heavy Szene.
"Bomber" ist nicht einfach nur eine Fortsetzung des eingeschlagenen Weges, die Songs sind durchweg langsamer, auch wenn sie mit dem schnellen Titelsong einen weiteren Track für die Ewigkeit geschaffen haben. Herausragend auch die langsam groovenden Dead Man Tell No Tales und Stone Dead Forever. Das schleppende Sharpshooter, das heftige Poison oder das bluesige Step Down mit Fast Eddie an den Leadvocals sorgen für ein weiteres Songfeuerwerk. Da verzeiht man auch kleine Durchhänger wie All The Aces oder Talking Head.
"Bomber" erreicht nicht ganz die Klasse des Vorgängers, doch das ein Jahr später folgende nächste Studiowerk wird neue Maßstäbe setzen...
Für viele Fans und Kritiker wird "Ace Of Spades" das "definitive" MOTÖRHEAD-Album. Die Scheibe schießt bis auf den vierten Platz der Inselcharts und bringt das kurz zuvor noch als schlechteste Band der Welt bezeichnete Trio durch nun folgende diverse TV-Auftritte in die Fernsehhaushalte.
Musikalisch haben MOTÖRHEAD wahrscheinlich ihren Zenit erreicht, und ihr auf dem Cover gezeigtes Django-Outfit zementiert ihren Outlawstatus. Die vom Drummer Philthy Animal Taylor stammende Idee mit dem Cowboy-Outfit wurde ursprünglich von Lemmy abgelehnt, der nicht wie John Wayne herumstolzieren wollte. Heraus kam letztendlich eines der prägendsten Cover der harten Musikgeschichte.
Zum 1980 veröffentlichten "Ace Of Spades" habe ich vor Jahren mal für mich selber einige Worte geschrieben. Als ich sie mir jetzt erneut zu Gemüte führte, stellte ich fest, dass bis auf wenige Kleinigkeiten die damals verwendeten Sätze nach wie vor als geltend stehen bleiben sollten. Here we go:
Mit dem Begriff "Kult" wird heutzutage geradezu inflationär umgegangen. Meinereiner definiert besagtes Wort jedoch u.a. mit "Seltenheit" und "auf seine Art einzigartig". Wenn irgendetwas "Kult" ist, dann sicherlich "Ace Of Spades" von MOTÖRHEAD. Ende 1980 auf die Menschheit losgelassen, steht das Album bis heute als Meilenstein allein auf weiter Flur. Für mich ist es eine LP, die ich immer wieder wie aus der Pistole geschossen zu den besten aller Zeiten zähle.
Anfang 1981, gegen Ende des Winters, las meinereiner in der "Bravo" (traurig, aber wahr, damals musste man sich tatswahrhaftig jedes Fünkchen Info zusammensuchen, selbst aus solch einer Gazette) einen Bericht über MOTÖRHEAD und eine kurze Plattenkritik. Bestand die Reportage neben interessanten Bildern auch aus den üblichen klischeehaften Floskeln, so ließ doch die Kritik aufhorchen. "Ein Sound, als hätte man die Kopfhörer an die Steckdose angeschlossen ...", das machte neugierig. Zudem ließen auch die Typen auf den Bildern die Lust auf 'ne Hörprobe wachsen. Gesagt, getan. Mit Bruderherz nach der Arbeit im gelben Escort ab nach Kamp-Lintfort in die Montplanetstrasse zu dem Laden, in dem man seine QUO-Alben gekauft hatte, wo AC/DC die Begeisterung für Hard Rock ins Unermessliche steigerten oder wo SAXONs "Strong Arm Of The Law" meine erste Bekanntschaft machten.
Da stand es also im Regal: "Ace Of Spades"!! Der Frage "kann ich mal reinhören" wurde positiv beschieden, und ich traute meinen Ohren nicht. Was ein Sound, welch eine Power. Ich meine mich entsinnen zu können, dass der andere Ruländer ebenfalls baff war. Was da aus den Boxen oder Kopfhörern (irgendwie ist mir das entfallen...) knallte, war für uns völliges Neuland. So etwas hatten wir bis dato nicht gehört und wohl auch nicht geahnt, dass ein solches Gitarrenfeuerwerk mit einem "Sänger" wie Lemmy überhaupt existieren würde. Logo, dass besagtes Wunderwerk sofort gekauft werden musste. Ich meine mich entsinnen zu können, am gleichen Abend im Musikladen (remember Michael Leckebusch & Manfred Sexauer??) Motörhead mit Ace Of Spades gesehen zu haben. Voller Begeisterung, versteht sich, und so'n Zufall auch.
"Ace Of Spades" wäre der perfekte Soundtrack zu einem Django-Film. Die Single Ace Of Spades wird für alle Zeiten vielleicht "der" MOTÖRHEAD-Song. Sobald der pumpende Bass loslegt gibt es kein Halten mehr. Shoot You In The Back, Live To Win, Fast And Loose, Fire, Fire oder Bite The Bullet, hier sprechen schon die Titel Bände. Wie die Gitarren bei Shoot... aufheulen und Lemmy den Refrain mit sich überschlagender Stimme brüllt, das lässt einem wahre Schauer über den Rücken kriechen. Ein Western-Soundtrack der "etwas" anderen Art. Jeder Song ist ein Volltreffer. Das Album ballert einen von Anfang bis Ende mit Songs wie Patronen aus einer Winchester zu. Love Me Like A Reptile ist heavy (ohne großartig an Geschwindigkeit zu verlieren ...) as shit, We Are The Road Crew eine Mitgröhl-Hymne auf Speed, Jailbait ein poltender Kracher, Dance ein Rock'n'Roller auf Motörhead-Art serviert, The Chase Is Better Than The Cat die vermeintliche Ruhe vor dem Sturm The Hammer. Jeder Song wahrscheinlich ein Klassiker, immer volles Rohr geradeaus dargeboten.
"Ace Of Spades" wurde aufgenommen August 4th - Sept 15th 1980 at Jackson's, Rickmansworth und produziert von Vic Maile. Jeder, der wo (frei nach Klinsmann...) sich ein wenig mit der Rock-Historie in jenen Tagen auskennt, weiß, dass man das ohne Kommentar alleine für sich stehen lassen sollte. Ein Denkmal war entstanden. Auch das dazugehörige Cover ist Kult. Lemmy, Eddie und Philthy am Baggersee (oder glaubt einer, die waren tatsächlich auf 'ner Fotosession in der Wüste?), als verwegene Desperados auftretend, das passt wie die Faust aufs Auge (ey, keine Gewalt!!) oder der berühmte Arsch auf'n Eimer.
Die Qualität dieses Albums erreichten Motörhead nie mehr. Nur alleine schon der "Klang" von Instrumenten und Gesang war und ist einzigartig. Ein Album wie "Ace Of Spades" mit einer solchen Intensität, Songqualität und einem bis heute unerreichtem Sound wollte nicht mehr gelingen. "Orgasmatron" (1986), "Bastards" (1993) oder das jüngst erschienene "Inferno" waren/sind gewiss weitere Höhepunkte in der Geschichte von MOTÖRHEAD, aber "Ace Of Spades" bleibt bis heute das, was ich am Anfang schon erwähnte. Kultig, einzigartig, auf seine Art genial und ein Denkmal für die Ewigkeit!!!!
Im Frühjahr 1981 erschien - unter dem Namen HEADGIRL veröffentlicht - mit dem Titel "The St. Valentine's Day Massacre", die Single Please Don't Touch mit der B-Seite Emergency und Bomber. MOTÖRHEAD hatten zusammen mit ihren Tourkumpaninnen GIRLSCHOOL den alten JOHNNY KIDD AND THE PIRATES Gassenhauer neu eingespielt und landeten prompt einen Nummer 5 Singlehit. Ein echter Crossover-Song, der auch wegen dem legendären Cover ein kleines Juwel darstellt. Die Band als Gangster des Chicago der 20er Jahre gestylt, umgeben von den Gangsterbräuten GIRLSCHOOL. Die Bands coverten sich gegenseitig mit ihren B-Side Tracks, wobei erwähnenswerterweise Fast Eddie die Lead-Vocals bei Emergency übernahm. Ein Schmankerl am Rande lieferte auch Philthy Animal ab, der mit Halskrause nur an der Fotosession teilnehmen konnte, da die Folgen eines Treppensturzes unter nebulösen Umständen das Schlagzeug spielen "verhinderten"...
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch noch an den gemeinsamen Auftritt im Bremer "Musikladen". Wahrer Kult!
Im Sommer des gleichen Jahres krachte "No Sleep 'til Hammersmith" in die Charts und erreichte die Pole Position in Great Britain. Ein Album das in jede Hard'n'Heavy Sammlung gehört.
Einzelne Songs herauszuheben ist schwer, "No Sleep..." sollte man als Ganzes hören und auf sich einwirken lassen. Bei maximaler Lautstärke, versteht sich!!
Für alle, die jetzt nicht sofort zur Anlage bzw. zum LP-/CD-Regal rennen sei hier noch einmal die Songreihenfolge dieses Klassikers wie Perlen an der Schnur aufgezählt: Ace Of Spades - Stay Clean - Metropolis - The Hammer - Iron Horse - No Class - Overkill - (We Are) The Road Crew - Capricorn - Bomber - Motorhead.
Ob es tatsächlich MOTÖRHEAD's bestes Livealbum ist, darüber lässt sich trefflich streiten. "Everything Louder Than Everyone Else", Ende des letzten Jahrtausends erschienen, hat sicherlich ebenfalls seine Qualitäten. Aber eben nicht diesen Kultfaktor...
Wie heißt es doch im Booklet der Do-CD "Best Of" aus dem Jahre 2000? "Despite the band's increasing success, however, a storm was brewing in the Motörhead camp" . Die Band spielte hierzulande u.a. auf den Golden Summernight Festivals und kehrte Ende 1981 noch einmal zu einer Tour durch die mittelgroßen Hallen zurück. Am 7. Dezember 1981 war es dann soweit, ich stand in der Dortmunder Westfalenhalle III (nachdem man sich ewig den Arsch vor der Halle nassregnen lassen durfte, weil die Herren Ordner der Horden nicht Herr wurden) und durfte mir als Opener TANK ansehen/-hören. Deren Debut "Filth Hounds Of Hades" hat wie ihre weiteren Releases keine großen Wellen geschlagen, die Maxi Don't Walk Away sollte sich wer kann jedoch auf irgendeiner Börse besorgen. Hammersong!!
Als MOTÖRHEAD schließlich begannen rastete die rappelvolle Halle kollektiv aus, und ich musste mir ernsthaft Sorgen um den Bestand meiner Brille machen. Aber nicht nur um die .... was sich auf der Bühne abspielte ließ bei mir die Frage aufkommen ob das wirklich die Band war, deren Alben, insbesondere "Ace Of Spades", so präzise auf die Zwölf hauten wie kaum irgendwas zuvor. Ich stand vor 3 randvollen Figuren, die gegeneinander spielten und noch nicht mal ihre Songs richtig ansagen konnten. Die Songs als solche waren kaum zu erkennen, ein höllisch lauter Soundbrei quoll mir aus der PA entgegen und ließ mich wenig begeistert nach einem recht kurzen Gig aus der Halle torkeln. "Getoppt" wurde diese Show allerdings noch beim Monsters Of Rock 1983 mit Brian Robertson als Eddies Nachfolger, als man sich in der großen Halle nebenan restlos blamierte. Viele spätere Gigs sollten dieses Bild allerdings mehr als korrigieren...
"Iron Fist" aus dem Frühjahr 1982 ist nicht so schlecht wie es heute oftmals dargestellt wird. Mit einem besseren Sound würde es mit Sicherheit zwar auch nicht an die vorherigen Alben heranreichen, dafür ist die Songqualität einfach zu lausig. Klar, Tracks wie den Titelsong, Heart Of Stone, Go To Hell oder Speedfreak kann man nicht wegdiskutieren, allerdings wären sie vorher wahrscheinlich allerhöchstens auf B-Seiten gelandet.
Die folgende UK-Tour litt unter dem verspäteten Veröffentlichungstermin der Scheibe, und technische Probleme mit dem Bühnenequipment rundeten das Chaos ab. Die Kombination Fast Eddie/ex-SAXON Engineer Will Reid Dick als Produzenten brachte einen dumpf klingenden drucklosen Longplayer in die Regale der Plattenläden. Kommerziell ging's bergab, und als während einer US-Tour Lemmy mit PLASMATICS Frontfrau Wendy O Williams den Countryhit (!) Stand By Your Man von Tammy Wynette zu covern gedachte, war das Maß für den Gitarrero Fast Eddie voll. Er hatte schlicht und einfach keine Lust diese Aufnahme zu produzieren und verließ die Band. Es existieren diverse Geschichten warum es letztendlich zum Split kam, doch Fakt ist, bis auf einige Gastauftritte war das Kapitel beendet.
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