HoR Logo kl Biographie:

John Campbell

The Hoodoo-Bluesman - Eine Biografie

Logo Home-of-Rock
Startseite > Artikel und Biographien > John Campbell > The Hoodoo-Bluesman - Eine Biografie

John Campbell 01

Eine traurige und sehr kurze Biographie wird das hier, dachte ich zunächst, als ich mich zu dieser John Campbell-Biographie durchgerungen hatte, mit der ich lange "schwanger" ging. Schließlich starb JC bereits 1993, erst 41-jährig, nur fünf Jahre nach seinem Debut-Album. Er hinterläßt somit eine sehr übersichtliche Diskographie, denn erst im Alter von 36 Jahren kam er dazu, sein erstes Album, wenn auch nur mit Cover-Songs, zu veröffentlichen. Trotzdem hinterläßt John Campbell soviel mehr: wenn man diverse Tribut-Seiten im WWW aufsucht wird man feststellen können, wie groß die Anzahl von tief beeindruckten Freunden ist, wie viele Musikerkollegen er maßgeblich und nachhaltig beeinflußt hat. Man bekommt eine Ahnung, welche Magie von diesem "Blues-Hexer" ausging, der immer wie ein Voodoo-Priester auf der Bühne stand. In den Sümpfen Louisianas aufgewachsen, war er zeitlebens der Hoodoo-Magie, der "positiven" Energie des Voodoo, verschrieben - die Gitarre und der Blues waren sein "Mojo", sein persönlicher energetischer Talisman, mit dem er sowohl heilen als auch verzaubern konnte.

Geboren wurde John Campbell 1942 in Shreveport, LA. Großmutters Hawaiian Lap-Steel infizierte ihn mit dem Musik-Virus und im Alter von fünf Jahren bekam er seine erste Gitarre von ihr geschenkt. Seit dem 13ten Lebensjahr stand er professionell auf der Bühne u.a gemeinsam mit Gatemouth Brown und Albert Collins.
Zwei Jahre später wurde der motorsportbegeisterte JC in einen schweren Unfall beim 'Drag-Racing' verwickelt, bei dem er sein rechtes Auge verlor. Sein Gesicht mußte mit 5.000 Stichen zusammen geflickt werden, und von den schweren inneren Verletzungen sollte er sich nie 100%ig erholen. In der fast einjährigen Rekonvaleszenz hatte er viel Zeit zum Üben und begann den Stil von John Lee Hooker, Lightnin' Hopkins und Muddy Waters zu studieren.
Mit 16 Jahren wurde Klein-John das Provinz-Nest Shreveport zu eng - er ging zuerst nach New Orleans und später nach Dallas, TX. Hier lebte er mit der Attitüde des richtig coolen Bluesman und nutzte jede Gelegenheit für einen Gig, wenn's sein mußte auch an der nächsten Straßenecke oder Tankstelle. Er gründete eine Blues-Band, die sich THE DELTA '88s nannte und die für seinen Geschmack viel zu selten live spielte.
Da es in der Provinz nicht so recht vorwärts gehen wollte, zog es John Campbell 1985 vor, in New York City sein Glück zu versuchen und hier bekam seine Karriere den entscheidenden Kick. Den Grundstein legte eine Begegnung mit seinem späteren engsten Freund, Ronnie Earle, als er für Johnny Littlejohn eine Show eröffnete. Dieser war von seiner warmen, tiefen Stimme ebenso begeistert wie von seinem ganz außer gewöhnlichen Gitarrenspiel. John Campbell entwickelte in der Szene einen guten Namen und durfte zunehmend auch für die bekanntesten Blues-Größen wie Jimmy Rodgers oder John Lee Hooker eröffnen - er kam mittlerweile auf über 250 Shows pro Jahr.

A Man And His Blues

1988 erschien dann sein erstes Album "A Man And His Blues" beim deutschen Cross Cut Label, produziert von seinem Freund Ronnie Earle, der ihn zudem bei einigen Songs begleitete. Dieses Album darf man nicht mit seinen beiden Hauptwerken vergleichen: es war ein weitgehend akustisches Album, nur John, seine '52 Gibson SJ und der urwüchsige Delta-Blues eines Robert Johnson, sowie der Country-Blues des Lightnin' Hopkins. Bei einigen Songs begleitete ihn eine kleine Kapelle, bestehend aus Ronnie Earle (Guitar, Bass), Per Hanson (Drums), Darrel Nulisch (Backup Vocals) und Muddy Waters' Harp-Player Jerry Portnoy.
Einer von JCs Alltime-Fave-Songs, Lightnin' Hopkins' Going To Dallas, eröffnet den bunten Reigen von Cover-Songs. Bei Judgement Day und Texas Country Boy shufflet die Band, daß es eine wahre Freude ist. Bluebird, ist eine weitere Hopkins Nummer, das Traditional Deep River Rag offenbart JCs virtuosen Gitarrenkünste und Lightnin' Rain ist eine Referenz an John Lee Hooker. Am stimmungsvollsten ist allerdings das seelenvolle Duett mit Ronnie Earl auf Sunnyland Train. Allerdings tut man gut daran, "A Man And His Blues" nicht mit seinen beiden Meisterwerken "One Believer" und "Howlin' Mercy" zu vergleichen. Allzu offensichtlich war JC zu dieser Zeit noch auf der Suche nach seinem eigenen Weg. Der Weg zu den Wurzeln des Blues, den er auf "A Man And His Blues" suchte und fand, war sicherlich bedeutsam für seine weitere Entwicklung.

One Believer

Drei weitere Jahre sollten vergehen, bis John Campbell sein erstes "richtiges" Album einspielen sollte: "One Believer", 1991 bei Elektra erschienen. Seine zentrale Aussage zu diesem Album spricht Bände: "This may sound corny, but my life really passed before my eyes in the process of recording this album." Tatsächlich trägt "One Believer" autobiographische Züge. Das Markenzeichen seines Sounds wurden eine alte 34er National Steel Guitar, die tatsächlich früher im Besitz von Lightnin' Hopkins war, und eine '86er Gibson Les Paul Deluxe, beide durch einen '68er Fender Twin Reverb verstärkt.
Sämtliche Tracks sind eher sparsam instrumentiert, getreu dem Motto, daß weniger zumeist sehr viel mehr ist. Ein Geniestreich war die Zusammenarbeit mit Dennis Walker, der viele Robert Cray-Alben produziert hatte. Dieser zeichnete als Co-Autor für "One Believer" verantwortlich. Mit Elmor James' Person To Person war nur noch ein Cover auf diesem Album vertreten.
Ob nun der Leibhaftige aus der Abstellkammer lugt (Devil in my closet), der Sorgenengel an der Bettkante steht (Angel of sorrow) oder der Boogie mit ihm durch geht (Couldn't do nothing), immer hat man das Gefühl, daß der Teufel mit John Campbell einen Pakt geschlossen hatte. Genau dieser Umstand unterscheidet eben eine sehr gute von einer phänomenalen Blues-Scheibe, wie dies für "One believer" uneingeschränkt gilt. Die stärksten Momente hat John Campbell, wenn er das Tempo heraus nimmt und den Blues einfach fließen läßt - wie bei Wild streak, World of trouble und Take me down. Einmal mehr überzeugt Jimmy Pugh, aus Robert Crays Band und einer der großartigsten Session-Organisten die ich kenne, durch seine dezent-effektvolle, zittrige Hammond B3.
Zwei echte Übernummern hat dieses Album, für mich Klassiker im Blues-Genre: Tiny coffin, ein traumhaft groovender Midtempo-Blues und natürlich der Titelsong One believer. Wer bei diesen ergreifenden Songs nicht zutiefst aufgewühlt wird, wird den Blues nie in seiner vollen Dimension begreífen können! John Campbell ist mit "One believer" nicht nur ein sensationeller Wurf gelungen, sondern vielmehr ein Masterpiece, ein echter Meilenstein des Blues-Rock-Genre!

John Campbell 02

John Campbells Gesundheit war seit seinem tragischen Autounfall 1967 arg angegriffen. Die inneren Verletzungen, im Besonderen die Schädigung der Lunge, machten ihm noch sehr zu schaffen. Außerdem litt er, und das ist unstreitig, unter starken Depressionen, was für einen Bluesman ja nicht unbedingt ein Nachteil sein muß. Zudem entwickelte er mit zunehmenden Alter Eigenarten, die hypochrondrische Züge vermuten ließen. So schlief er wochenlang kaum, da er wahnsinnige Angst hatte, im Schlaf zu sterben. Vielleicht hatte er ja geahnt, daß seine Alpträume in Erfüllung gehen werden. Pyschosomatische Herzbeschwerden waren der Grund für seine Ängste.
Auch wenn JC nun erstmals richtiges Geld mit seiner Musik verdiente [eine große US-Tour mit Buddy Guy und eine Europa-Tour, die ihn u.a. auch in die BRD führte], seine Stimmungslagen wurden zunehmend grau und bitter - seine Texte tauchten zusehends in Schattenwelten ein. Die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gab, begann ihn umzutreiben - natürlich wurde auch seine jahrelange Angst vor dem Tod thematisiert. Die Symbolik von "Gut" und "Böse", der "Sinn" des Lebens, die Suche nach tiefen religiösen Erfahrungen wurden Triebfeder für tiefgründige, existenzielle Fragen, ja nagenden Selbstzweifel ...... und sein '93er Album "Howlin' Mercy" wurde zu einer kraftvollen und überzeugenden Antwort!!

Howlin' Mercy

Der Todesengel schwebt über "Howlin' Mercy" und tatsächlich sollte sie erst nach dem, viel zu frühen, Abgang John Campbells 1993 erscheinen. Es war kaum vorstellbar, wie der großartige Vorgänger "One Believer" noch zu toppen sein würde - JC hat es tatsächlich geschafft. Zugegebenermaßen ist "Howlin' Mercy" eines der Alben, vor deren Rezension man sich möglichst lange drücken möchte. Eine solche tiefe Ehrfurcht erzeugende Scheibe bespricht man nicht einfach so 'en passant' ..... Man scheint JCs persönliches Zwischenergebnis zum Stand der Suche nach sich selbst beizuwohnen. Die Songs wurden alle "on the road" aufgenommen, wo die emotionalen Spannungen gelegentlich bis an die Grenzen strapaziert werden.
Zunächst fällt mir 'mal auf, daß die Songs meist deutlich härter als auf dem beeindruckenden Vorgänger "One believer" ausgefallen sind. JC legte also noch eine gewaltige Schippe 'drauf! Der Opener Ain't Afraid Of Midnight ist ein großartiger Up-Tempo-Boogie - ein Song über seine persönlichen Ängste, nachts im Schlaf zu sterben. Ein erster Glanzpunkt ist die sensationelle Interpretation des LED ZEPPELIN-Klassikers When The Levee Breaks mit virtuos-feurigen Slide-Duellen auf seiner 34er National Steel, grandios!!
Die seelischen Abgründe des depressiven Bluesers machen betroffen und manifestieren sich bei mir als 'Kloß im Hals', wenn ich bspw. bei Down in the hole hören muß, wie John Campbell mit Jesus und dem Teufel um seine Seele schachert. Oder Saddle up my pony, ein musikalischer letzter Wille, beginnt ganz tief im Loch (".....and when it come my time to die, just lay me down by the highwayside....."), um dann in einem furiosen Boogie-Gewitter zu enden. Fast peinliche Gefühle kommen in mir hoch, wenn ich bei Love's name an seinem Vermächtnis für seine Lieben Anteil nehmen kann bzw. muß - puh, das geht mir ganz schön an die 'Nieren'. Das druckvoll pumpende Wiseblood ist gar einer der stärkten Blues-Tracks, die ich überhaupt kenne. Der Teufel schaut hier JC über die Schulter: "There is no price you can pay. In the end, there is only death and the darkness rules the day."
Aber, 'primus inter pares' bleibt natürlich der allerletzte Song John Campbells ever Wolf among the lambs - er hatte sich zu gerne als 'Wolf' charakterisiert. Hier brilliert er noch einmal als einer der besten Slide-Gitarristen, die jemals über diese Erde wandelten. Was war der Tod dieses Mannes für ein Verlust, obwohl man sich [ganz ähnlich wie bei Stevie Ray Vaughan] in der kurzen Zeit nur schwer ein Bild machen konnte, wohin er sich weiter entwickelt hätte. Ich bin mir sicher, daß uns so manche Überraschung entgangen ist ......

John Campbell 03

Mir persönlich ist nur ein Mensch bekannt, der das große Glück hatte, John Campbell einmal live zu erleben: mein Kollege Gallitz-Duckar. Fast wäre ich geneigt zusagen, ich beneide ihn dafür, was natürlich Quatsch ist - unter Musikliebhabern gibt es keinen Neid, man freut sich für den anderen. Das Ereignis fand seinerzeit 1993 im Münchner Nachtwerk statt und Gallitz-Duckar beschreibt seine Eindrücke so:
".... die Band kam 'raus, John Campbell als Letzter. Der ging also in Armlänge direkt an mir vorbei und hatte 'ne Aura, die du greifen konntest. Dazu dieses eh' schon markante Gesicht, wie eine in Stein gemeißelte Maske. Rauf auf die Bühne, eingestöpselt und sofort losgelegt wie die Feuerwehr. Gefühlte 10 Minuten, ohne ein Wort ein Volldampfinstrumental hingelegt. Ich glaube, er mußte sich abreagieren. Aber kein Hardrock-Blues oder sowas, nein einfach pure Energie, Volldampf eben, virtuos gespielt, aber mit heftig Pfeffer drin. Seine Stimmung wurde dann Song für Song besser, das sonst fade Münchner Publikum war schon nach diesem Einstieg gefangen und er spielte ein hochenergetisches Set. Ich war zu der Zeit bei einigen Bluesern wie John Mayall, Chris Duarte, Bernard und Luther Allison im Konzert - Campbells Ausstrahlung übertraf sie alle und hinsichtlich des Energielevels konnte nur Duarte mithalten, der aber auch ordentlich laut war, was es im Blues meiner Meinung nicht braucht. JC stand da oben wie ein Voodoo-Priester, das klingt abgedroschen, aber genauso sah er aus: schwarz angezogen, die Haare so nach Indianerart zurückgebunden, Totenköpfchen, Knöchelchen und sonstigem Geklimper an den Ohren. Vielleicht war er ja Papa Legba,der Hüter der Wegkreuzungen [= Crossroads] im Voodoo-Glauben und mußte darum so früh wieder gehen ....."
Was würde ich heute persönlich darum geben, wenn ich ein einziges Mal diesen charismatischen Blueser mit der mysteriösen Aura hätte erleben dürfen. Für alle, die keine Gelegenheit dazu hatten, gibt es auf www.youtube.com einige hervorragende Clips und Interviews zu hören und sehen.

Am 13.06.1993 starb John Campbell in NYC genauso, wie er es nie wollte, gegen 4 a.m. in seinem Bett. Als Grund wurde "Herzstillstand" angegeben, aber, sind wir ehrlich, in 100% aller Todesfälle ist dies die Ursache ;-)) Natürlich gab es Gerüchte über Drogenprobleme, wie immer wenn eine letztendlich ungeklärte Todesursache im Raum steht. Enge Freunde und Wegbegleiter berichten aber übereinstimmend und glaubwürdig, daß JC niemals exzessiv Drogen konsumiert habe. Es wurde auch immer über eine schwere Krebserkrankung spekuliert, aber Tatsache ist auch, daß JC sich niemals dazu äußerte und auch post-hum verlautbarte dahingehend nichts aus seinem Umfeld. JC war Präsident einer örtlichen Abteilung der Hell's Angels und bekam einen beeindruckenden Harley-Korso zu seinem Grab in seiner Heimatstadt Shreveport LA. Er hinterließ seine Frau Dolly, die er erst kurz zuvor geheiratet hatte, und seine 5-monatige Tochter Paris.

John Campbell 04

Im Jahr 2000 ist eine ganz feine Zugabe erschienen, die extrem rar ist und seit Jahren von mir gesucht wird: "Tyler Texas Sessions" heißt diese CD und wurde lange vor seinem Major-Deal bei Elektra aufgenommen. Geplant waren diese live unplugged im Studio eingespielten Aufnahmen als Demo-Material, allerdings zeigte sowohl Cross Cut als auch später Elektra kein Interesse an diesen Aufnahmen. U.a. sind dort Cover-Songs von Robert Johnsons Walkin' Blues und Terraplane Blues sowie Elmore James' The Sky Is Crying zu finden, zwei seiner großen Vorbilder also. Erschienen ist diese Scheibe bei Sphere Sounds Records, ich wünsche viel Erfolg bei der Suche.

Fazit und Ausblick: John Campbell erforschte die klassischen Stilrichtungen des Delta- und des Texas-Blues. Als er 1993 starb hatte er die perfekte Synthese, seinen eigenen Stil gefunden. Wie kein Zweiter verstand er es, die mystischen Aspekte des Hoodoo zu integrieren - seine Musik war sein Mojo. Er glaubte an die Macht der Musik und wenn er auf der Bühne stand, war es, als würde man einem religiösen Ritual beiwohnen. Solche Persönlichkeiten werden nur eine Handvoll in einem Jahrhundert geboren. So verbietet es sich also für mich, nach Kandidaten zu suchen, die diese übergroßen Fußstapfen ausfüllen könnten. Sein Vermächtnis ist auf DEM Song John Campbells schlechthin, Saddle Up My Pony, zu hören.

(Als Quellen dienten neben den eigenen Erinnerungen, den Liner-Notes der CDs, einem Kapitel in dem Standardwerk "The History Of The Blues" veröffentlicht bei Hyperion NYC, vor allem die ganz exzellente Tribute-Website John Campbell Sources)

Steve Braun, (Artikelliste), 06.12.2007

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:
Startseite > Artikel und Biographien > John Campbell > The Hoodoo-Bluesman - Eine Biografie

 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum