|
Fotos:
Adelina Schmidtlein
|
|
| Olympiahalle, München, 24.04.2004 |
 |

Dem Größenwahn verfallene Menschen gibt es viele. Lothar Matthäus zum Beispiel, der sich einbildet, ein großer Fußballtrainer und Weltmann zu sein, George W. Bush, der der ganzen Welt "seine" Ordnung aufzwängen will, oder im Kleinen, die deutschen Provinzreformer, die meinen, dass ein kranker Kinderloser beim Onkel Doktor mehr bezahlen soll als ein malader Nachwuchserzeuger. Der Gipfel des Größenwahns ist allerdings, wenn eine bisher nur regional bekannte Musikerin plötzlich eine Konzerthalle bucht, in die mehr als 10.000 Menschen passen. Hat man so etwas schon erlebt, außer bei den Blues Brothers?
Fakt ist aber, dass die deutsche Sängerin und Songschreiberin Barbara Clear das vor mehr als 2 Jahren getan hat und - der Gipfel der Selbstüberschätzung - das Event für den 24. April 2004 (ihrem Geburtstag) in der riesigen Münchner Olympiahalle terminiert hat. Über 2 Jahre Vorverkaufszeit also. Aber für was? Vorverkauf für Eintrittskarten, die keiner kauft, weil niemand den Namen Barbara Clear kennt?

Sieht man das Thema positiv, hat man es immerhin noch mit einem versponnenen Scherz zu tun. Frau Clear will in der Olympiahalle auftreten: Gut, soll sie doch. Es gibt bestimmt Möglichkeiten, die Dame eines Nachmittags, zum Beispiel vor dem Soundcheck des nächsten Bob Dylan Konzertes, für 10 Minuten auf die Bühne zu lassen und ihr ein Mikro in die Hand zu drücken. "Eins, zwei, Test, könnt ihr mich hören".
Jetzt sind es noch knapp 3 Monate bis zum 24.04.2004, und: Es fehlt nicht mehr viel, dann ist die Hälfte der verfügbaren Tickets verkauft. Richtig gelesen? Ja!
Wir haben es hier mit der wohl eigenwilligsten, versponnensten und - letztendlich - mutigsten Idee zu tun, die es in der Musikszene in den letzten Jahrzehnten gab. Nein, nicht Bohlen ist mutig, weil er hysterische Quakfrösche auf uns loslässt, Frau Clear ist mutig, weil sie das Krokodil am Schwanz packt und gegen 10 (!) Euro Eintritt, nur mit ihrer Gitarre als Schutzschild, dem Business den ausgestreckten Finger zeigt. Unfassbar, oder?

Wer also ist Barbara Clear und ihre Musik?
Singer/Songwriter trifft den Kern wohl am besten. Eine formidable Sängerin und höchst achtbare Gitarristin, nebenher bemerkt.
Da steht sie dann auf der kleinen Bühne der Münchner Muffathalle und erzählt ihre Geschichten, erklärt den anwesenden Fans und Medienleuten die Hintergründe ihrer Songs und performt wunderschöne kleine Zustandsbeschreibungen die live noch intensiver und packender wirken als auf CD. Ganz die Tradition amerikanischer Singer/Songwriter eben.
Beim Showcase fielen mir Namen wie Billy Joel, Melissa Etheridge, natürlich Dylan und Neil Young ein. Dazu eine tolle Kate Bush-Interpretation und eine Version von DEEP PURPLEs When a blind man cries (wohlgemerkt "Man", nicht "Woman").
Der nächste Anfall von Selbstüberschätzung: Solsbury Hill von Peter Gabriel. Wer sich an einen solchen Gänsehautsong heranwagt, muss viel Selbstvertauen haben, denn der Grat zwischen Totalabsturz und bloßer Kopie ist in diesem hochalpinen Qualitätsgelände sehr schmal. Barbara Clear macht ihr eigenes Stück daraus und erzeugt trotzdem den Haare-in-die-Höhe Faktor.
Ihre selbstverfassten Songs bewegen sich zwischen Folk und Rock, sind allesamt hervorragend und ich habe keinen Zweifel, dass meine Meinung auch von Songwriter-Fachleuten, der ich nicht bin, geteilt wird, auch wenn Janis Joplin in der Clear-Stripped-Version für mich ein wenig zu sehr nach Lagerfeuerromantik klingt.
Einzig ein eingestreuter Titel in deutscher Sprache passt nicht. Es bewahrheitet sich wieder einmal, dass Deutsch und Folk nicht zusammenpasst. Ein englisches yeah "klingt", aber ein deutsches ja hat in diesem Kontext immer den Anschein von erhobenem Zeigefinger und Knut Kniesewetter, schlimmstenfalls Reinhard Mey oder - wenn politisch gemeint - den "Keine Pershings"-Aktivisten von 1978. Hinweg ist die Leichtigkeit und Beschwingtheit, beherrschend ist deutsche Schwermutslyrik, Oberlehrermentalität und Melancholie.
In der anschließenden "Fragestunde" erklärt Clear dem Publikum auch den Grund für ihre normalerweise englischen Texte und eigentlich sollten nur Schlagerfans und vollkommene Sprach- und Modulationsnegierer kein Verständnis dafür haben. Wer "Mein Freund der Baum" und "Über den Wolken" hören will, hat dazu reichlich Gelegenheit bei anderen Künstlern.

Barbara Clear findet nicht im deutschen Einheits- und Formatradio statt. Auch die geschätzten Kollegen der Printmedien beachten solche bizarren Geschichten bestenfalls am Rande. Um so erfrischender ist, wenn Barbara ganz offen zugibt, dass dieser Auftritt auch, und nicht zuletzt, kommerzielle Interessen verfolgt. Nicht unglaubwürdiges "ich lebe einen Selbstverwirklichungstraum"-Gefasel, sondern ehrliches "ich will meine Musik bekannt machen und wenn es nicht anders geht dann eben so" beweist, dass wir es nicht mit einer fehlgeleiteten Irren zu tun haben, sondern mit einer gestandenen Frau, die weiß was sie tut. Auch wenn's vollkommen wahnsinnig erscheint.
Man hat in Riesenvenues wie der Olympiahalle schon viele Künstler scheitern sehen. Keine Atmosphäre, keine Intimität, nur 100.000 Watt und viel aufgeblasene Luft. Ich bin überzeugt, dass Barbara Clear am 24.04.2004 ein ganz besonderes Konzert abhalten wird. Alleine durch ihre Präsenz und ihr von Grund auf offenes, positives Erscheinen wird sie die Halle bis zum letzten Platz ausfüllen können. Um so besser, wenn alle Plätze auch von Menschen besetzt sein werden. Tickets bestellen und hingehen!
Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

|